Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 88. Band, (Jahrgang 1877)

Friedrich  Christoph  Schlosser.

135

noch  nicht  der  leiseste  Versuch  einer  Verständigung  gemacht
worden  ist  und  es  den  Anschein  hat,  als  ob  ein  literarisches
Bedürfniss  für  eine  solche  gar  nicht  vorhanden  wäre?  Ist  es
nicht  ein  Beweis  der  fortdauernden  Zerfahrenheit  der  wissenschaftlichen ­
  Bestrebungen  und  Zielpunkte,  wenn  hier  Schlosser,
dort  der  gleichaltrige  Niebuhr  hundert  Jahre  nach  ihrer  Geburt
einen  gesicherten  Standplatz  in  der  Wissenschaft  entbehren?
Von  Schlosser  konnte  versichert  werden,  dass  er  den  ersten
Anforderungen,  welche  an  einen  Historiker  zu  stellen  wären,
nicht  genügt  und  dass  er  nichts  für  die  Ermittlung  der  Wahrheit ­
  zu  leisten  vermocht  hätte.  1  Und  wenn  Gervinus  glaubte,
er  könnte  den  Deutschen  umgekehrt  in  der  Schlosser’schen  Geschichtschreibung ­
  ein  Normalmaass  für  alle  zukünftige  Historik ­
  aufdrängen,  so  blieb  dies  —  man  muss  sagen  glücklicherweise ­
  —  ein  fast  vereinzelter  Versuch,  ein  kühnes  Abenteuer.
Ein  schönes  und  verständiges  Wort  war  es  aber,  welches
Löbell  sagte,  nachdem  er  der  leidenschaftlichsten  Verurtheilung
selbst  die  Zügel  schiessen  lassen:  ,Die  Perioden  des  falschen
Ruhmes  und  der  unbegründeten  Geringschätzung  müssen  abgelaufen ­
  sein,  um  der  rechten  Kritik  Raum  zu  verschaffen.  So
wird  auch  die  Anerkennung  des  Verdienstes,  welches  sieh
Schlosser  um  die  historischen  Studien  in  Deutschland  wirklich
erworben  hat,  in  seinen  rechten  Grenzen  erst  dann  Statt  finden,
wenn  die  übertriebenen  Vorstellungen  von  seiner  Bedeutung

windet  sicli  mühsam  von  den  ästhetisirenden  Gesichtspunkten  Humboldt’s
los  und  steckt  überall  in  der  apriorischen  Philosophie,  die  er  aber  verwirft, ­
  tief  drin.  Im  Jahre  1844  hat  Wuttke  in  dem  ,Grenzboten 1
Nr.  18  einen  wenig  unterrichtenden  Artikel  über  Schlosser  geschrieben,
zu  dessen  Verurtheilung  damals  auch  Buchhändlerspeculationen  in  abscheulichster ­
  Weise  mitwirkten.
1  Als  nach  dem  Tode  Schlosser’s  Gervinus  seinen  Nekrolog,  Leipzig  1862,
veröffentlichte,  in  welchem  ohne  tieferes  Eingehen  auf  die  Principienfragen
  eine  weit  über  ein  billiges  Maass  binausgehende  Vergleichung
zwischen  Schlosser  und  Ranke  in  der  Art  geliefert  wurde,  als  hätte  die
heutige  Geschichtschreibung  nichts  Anderes  zu  thun,  als  in  den  Bahnen
Schlosser’s  fortzuwandeln,  antwortete  Löbell,  leider  anonym,  wodurch
die  Gehässigkeit  des  Streites  noch  mehr  hervortrat.  Briefe  über  den
Nekrolog  F.  Chr.  Schlosser’s  von  G.  G.  Gervinus.  Die  bezeichnete  Verurtheilung ­
  besonders  im  neunten  Brief  S.  33  ff.  Einen  ruhigeren  Artikel
lieferte  dagegen  Haym  im  Preuss.  Jahrb.  IX.  4.  1862  April.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.