Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 64. Band, (Jahrgang 1870)

334

Scherer

Der  Anonymus  und  Spervogel  liegen  dieser  Erhebungsperiode
voraus.  Und  auf  ihr  Niveau  sinken  die  späteren  Dichter  wieder  hinab.
Dürfen  wir  jene  genannten  als  das  erste  Lebenszeichen,  gleichsam ­
  als  Vorboten,  der  langen  bürgerlichen  Epoche  ansehen?
Nur  für  den  geistlichen  Zug  ihrer  Poesie  kann  das  zugegeben
werden.  Sonst  aber  haben  vielleicht  die  obigen  Betrachtungen  genügt,
um  eine  andere  Auffassung  wahrscheinlich  zu  machen.  Spervogel  und
seine  Verwandten  stehen  nebst  den  Verfassern  des  Rother,  Morolt,
Orendel,  Oswald  usw.  wie  Endmoränen  eines  ehemals  vorhandenen, ­
  für  uns  aber  verschwundenen  Gletschers  da,  der  in  ähnlicher
Zusammensetzung  mindestens  vom  Ende  des  neunten  bis  ans  Ende
des  zwölften  Jahrhunderts  gedauert  hatte,  dann  auf  kurze  Zeit  zurückwich, ­
  bis  er  fünf  Jahrhunderte  lang  abermals  und  nun  vjel  weiter
sich  ausbreitete,  so  dass  —  wenn  der  Ausdruck  erlaubt  ist  —  eine
allgemeine  Vergletscherung  unserer  Poesie  eintrat.
Wodurch  wurde  das  Zurückweichen  im  zwölften  und  wieder  im
achtzehnten  Jahrhundert  bewirkt?  Oder,  um  mein  früheres  Bild  wieder ­
  aufzunehmen,  welches  sind  die  Hebungskräfte,  durch  welche  die
Blüteepochen  unserer  Poesie,  durch  welche  unsere  grossen  Dichter
hervorgetrieben  wurden  aus  dem  Tietlande?
Die  Frage  würde  eine  besondere  Untersuchung  verlangen.  Das
Vorurthcil  ist  sehr  verbreitet,  dass  die  deutsche  Litteratur  des  achtzehnten ­
  Jahrhunderts  sich  wesentlich  von  allen  modernen  europäischen ­
  Litteraturen  dadurch  unterscheide,  dass  sie  nicht  mit  einem
Aufstreben  des  nationalen  Selbstgefühls  zusammen  falle.  Ich  glaube,
es  lässt  sich  das  Gegentheil  beweisen.  Doch  hiervon  jetzt  nichts.

N  ft  c  h  t  r  n  g.
Zu  S.  285  13],  DieS.  321.  [39].  322  140]  angeführten  Strophen,
Denkm.  Nr.  49,3  und  die  von  Keinz  publicirte,  lassen  sich  vielleicht
für  die  Vorgeschichte  des  zweiten  Tons  verwerthen.  Jene  stellt  sich
als  sechszeilige  Strophe  dar,  bestehend  aus  zwei  stumpfen  Reimpaaren ­
  von  vier  Hebungen  und  einem  klingenden  Reimpaare  von  drei
Hebungen.  Diese  zeigt  dieselbe  Form  mit  Verlängerung  der  letzten
Zeile  auf  fünf  Hebungen,  Dazu  brauchte  nur  noch  die  Waise  hinzuzutreten, ­
  und  der  zweite  Spervogelton  war  fertig.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.