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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 64. Band, (Jahrgang 1870)

Deutsche  Studien.  I.

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'Die  exacten  Wissenschaften  sind  nur  in  dem  Masse  fortgeschritten, ­
  sagt  A.  v.  Humboldt  (Kl.  Schriften  Bd.  1,  S.  400),  als  man
endlich  angefangen  die  Naturerscheinungen  in  ihrer  Gesammtheit
zu  betrachten;  und  so  allmälich  aufgehört  hat:  hier  den  culminirenden
Punkten,  die  vereinzelt  eine  Linie  hoher  Gipfel  bilden,  dort  den  Temperaturextremen,
  welche  das  Thermometer  einige  Tage  im  Jahre  erreicht, ­
  eine  grosse  Wichtigkeit  beizulegen.’  Immer  war  man  bis  auf
Alexander  von  Humboldt  vorzugsweise  mit  den  Gebirgen,  nicht  mit
Hochländern  und  Tiefländern  beschäftigt.
Uberschlägt  man  in  seiner  Phantasie  die  ganze  Entwickelung
einer  bestimmten  Litteratur,  so  wird  sie  sich  leicht  als  ein  Bild  darstellen, ­
  das  mit  den  senkrechten  Durchschnitten  ganzer  Länder  wie
sie  die  Geographie  handhabt  einige  Ähnlichkeit  zeigen  dürfte.  Da
sieht  man  ganze  Epochen  als  Tiefländer,  andere  als  Hochländer  und
über  ihnen  die  Gebirge  mit  ragenden  Gipfeln.
Man  kann  der  Literaturgeschichte  im  Allgemeinen  nicht  den
Vorwurf  machen,  dass  sie  die  Tiefländer  vernachlässigt  habe.  Indess,
nur  wo  culminirende  Punkte  nicht  vorhanden  sind,  lässt  sie  sich  auch
gerne  zu  den  geringeren  Geistern  herab.
Aber  zu  allen  Zeiten  gibt  es  Schichten  der  geistigen  Bildung,
und  um  die  unterste  Schicht  kümmert  man  sich  viel  zu  wenig.  Ich  gestehe, ­
  es  ist  mir  immer  als  ein  grosser  Mangel  erschienen,  dass  uns  so
ziemlich  jede  authentische  Auskunft  über  die  literarische  Nahrung  der
unteren  Stände  fehlt,  ln  gesunkenen  Epochen  sind  das  gerade  die  herrschenden ­
  Mächte  der  gesammten  Litteratur.  Und  die  niedrigen  Gattungen ­
  breiten  sich  wie  eine  unendliche  gleiehmässige  Tiefebene  aus,  von
der  sich  nur  hier  und  da  vielleicht  einzelne  Hügelgruppen  abheben.
So  erscheint  mir  die  deutsche  Poesie  vom  Ende  des  dreizehnten
bis  in  die  Mite  des  achtzehnten  Jahrhunderts.  Noch  Geliert  und
Babener  sind  Nachfolger  der  Spervögel  und  Strickers.  Und  das  'moralisirende
  Zöpfehen’  war  unsern  Dichtern  noch  lange  nicht  abgeschabten. ­

Es  ist  ein  besonderer  Glücksfall  dass  uns  die  Gedichte  Spervogels
  und  seines  Vorgängers  erhalten  sind.  Stricker,  Freidank,
Reimnar  von  Zweter,  Marner  usw.  stellen  den  Charakter  ihrer
Gattung  nicht  rein  genug  dar.  Die  Kräfte,  denen  Hartmann,  Wolfram, ­
  Gottfried,  Walther  ihre  Erhebung  verdanken,  rissen  auch  den
fahrenden  Spielmann  empor.
Sitib.  .1.  phil.-hist.  CI.  LXIV.  Bd.  I.  Hft.

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