Deutsche Studien. I.
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'Die exacten Wissenschaften sind nur in dem Masse fortgeschritten,
sagt A. v. Humboldt (Kl. Schriften Bd. 1, S. 400), als man
endlich angefangen die Naturerscheinungen in ihrer Gesammtheit
zu betrachten; und so allmälich aufgehört hat: hier den culminirenden
Punkten, die vereinzelt eine Linie hoher Gipfel bilden, dort den Temperaturextremen,
welche das Thermometer einige Tage im Jahre erreicht,
eine grosse Wichtigkeit beizulegen.’ Immer war man bis auf
Alexander von Humboldt vorzugsweise mit den Gebirgen, nicht mit
Hochländern und Tiefländern beschäftigt.
Uberschlägt man in seiner Phantasie die ganze Entwickelung
einer bestimmten Litteratur, so wird sie sich leicht als ein Bild darstellen,
das mit den senkrechten Durchschnitten ganzer Länder wie
sie die Geographie handhabt einige Ähnlichkeit zeigen dürfte. Da
sieht man ganze Epochen als Tiefländer, andere als Hochländer und
über ihnen die Gebirge mit ragenden Gipfeln.
Man kann der Literaturgeschichte im Allgemeinen nicht den
Vorwurf machen, dass sie die Tiefländer vernachlässigt habe. Indess,
nur wo culminirende Punkte nicht vorhanden sind, lässt sie sich auch
gerne zu den geringeren Geistern herab.
Aber zu allen Zeiten gibt es Schichten der geistigen Bildung,
und um die unterste Schicht kümmert man sich viel zu wenig. Ich gestehe,
es ist mir immer als ein grosser Mangel erschienen, dass uns so
ziemlich jede authentische Auskunft über die literarische Nahrung der
unteren Stände fehlt, ln gesunkenen Epochen sind das gerade die herrschenden
Mächte der gesammten Litteratur. Und die niedrigen Gattungen
breiten sich wie eine unendliche gleiehmässige Tiefebene aus, von
der sich nur hier und da vielleicht einzelne Hügelgruppen abheben.
So erscheint mir die deutsche Poesie vom Ende des dreizehnten
bis in die Mite des achtzehnten Jahrhunderts. Noch Geliert und
Babener sind Nachfolger der Spervögel und Strickers. Und das 'moralisirende
Zöpfehen’ war unsern Dichtern noch lange nicht abgeschabten.
Es ist ein besonderer Glücksfall dass uns die Gedichte Spervogels
und seines Vorgängers erhalten sind. Stricker, Freidank,
Reimnar von Zweter, Marner usw. stellen den Charakter ihrer
Gattung nicht rein genug dar. Die Kräfte, denen Hartmann, Wolfram,
Gottfried, Walther ihre Erhebung verdanken, rissen auch den
fahrenden Spielmann empor.
Sitib. .1. phil.-hist. CI. LXIV. Bd. I. Hft.
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