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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 9. Band, (Jahrgang 1852)

Die  römische  Stadt  Carnuntum.

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Es  ist  eine  merkwürdige  Thatsache,  dass  einmal  bestehende
Ortschaften,  wenn  sie  auch  durch  die  Stürme  der  Zeit  total  zerstört
werden,  vielleicht  zeitweise  öde  und  verlassen  stehen,  so  dass  sie
schon  vertilgt  zu  sein  scheinen,  doch  nie  ganz  verschwinden,  sondern ­
  immer  wieder  von  neuem  entstehen:  denn  die  Niederlassung  an
einem  bestimmten  Platze  geschieht  nicht  zufällig,  sondern  ist  an
ganz  bestimmte  Bedingungen  geknüpft  und  wohl  in  den  Verhältnissen
begründet;  es  lässt  sich  daher  bei  so  vielen  Orten  der  Gegenwart
ein  hohes  Alter  nachweisen,  und  bei  Weitem  die  meisten  bestanden
schon  in  den  ältesten  Zeiten.  Die  Bedingungen,  nach  welchen  eine
solche  Ansiedlung  geschieht,  wurzeln  so  tief  in  den  Beziehungen  des
Menschen  und  seiner  Bedürfnisse  zur  Natur  und  ihren  Gaben,  —
da  er  nach  einer  Seite  hin  so  ganz  im  Naturleben  fusst,  —  dass  kein
Mensch  oder  menschliches  Ereigniss  im  Stande  ist,  jene  geographischen ­
  Gesetze  umzustossen,  so  wenig  als  den  innern  Entwickelungsgang ­
  der  Geschichte  zu  hemmen  oder  zu  ändern.  Dieses  Gesetz  der
Aufrechthaltung  des  einmal  Bestehenden,  so  lange  es  nur  immer
möglich  ist,  erstreckt  sich  auch  auf  ganz  kleine  Orte,  selbst  auf
Wege  u.  dgl.
Welche  furchtbaren  Stürme  brachen  über  die  Bömerstadt  Carnuntum ­
  noch  nach  ihrer  Zerstörung  durch  die  Quaden  herein!  Bedenken ­
  wir  nur,  wie  viele  barbarische  Völker  über  ihre  Stätte  zogen,
und  wie  lange  sie  in  den  Händen  von  Stämmen  war,  welche  keine
festen  Wohnsitze  hatten,  nur  zerstörten,  nichts  neu  erbauten;  ich
erinnere  nur  an  die  Hunnen  und  die  Avaren.  Dennoch  sehen  wir,
sobald  die  Gegend  den  Barbaren  abgenommen  war,  auf  der  Stelle  der
Römerstadt  neue  Ortschaften  entstehen,  obwohl  kaum  mehr  Überreste ­
  vorhanden  gewesen  sein  dürften,  welche  den  neuen  Ansiedlern
hätten  von  besonderem  Nutzen  sein  können.
Sehr  auffallend  ist  es  ferner,  dass  wir  gerade  hier,  in  einer
Gegend,  die  von  verheerenden  Kriegen  und  Zügen  der  Ungern  in
verschiedenen  Zeiten  und  namentlich  der  Türken  so  häufig  hart  mitgenommen ­
  wurde,  eine  Reihe  von  Baudenkmalen  des  Mittelalters ­
  treffen,  so  merkwürdiger  Art,  dass  sie  wohl  eine  nähere
Betrachtung  verdienen.
            
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