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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 9. Band, (Jahrgang 1852)

Prof.  Schleicher.

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Probe  einige  litauische  Mährchen  folgen  zu  lassen.  Von  den  Sprichwörtern ­
  und  Räthseln  gab  ich  schon  früher  Beispiele.
Das  litauische  Mährchen  erinnert  besonders  stark  an  das  deutsche
Mährchen.  Einfluss  deutscher  Sage,  aber  auch  slawischer,  ist  nicht
zu  verkennen,  das  echt  Litauische  ist  oft  recht  deutlich  davon  zu
unterschieden.  Beiläufig  bemerke  ich,  dass  ich  schon  auch  in  einer
Daina  slawischen  Einfluss  wiedergefunden  habe;  in  einer  von  mir
gesammelten  erkenne  ich  nämlich  ein  slawisches  ^zunächst  polnisches)
Volkslied.  Noch  schärfer  bezeichnen  sich  zwei  Dainas  in  den  Preuss.
Provinc.  Blättern  als  Überlieferungen  aus  dem  slawischen  Nachbarlande. ­
  Dagegen  wurde  mir  heute  eine  päsaka  erzählt,  in  welcher
der  deutsche  Siegfried  (hörnen  durch  Bestreichen  —  Retter  einer
Königstochter  die  der  Drache  entführte)  nicht  zu  verkennen  ist.
Diese  päsaka  werde  ich  morgen  mir  dictiren  lassen,  da  es  Interesse
hat  unsere  deutsche  Sage  in  so  sehr  fremder  Umhüllung  wieder  zu
finden.
Die  Erzählerinn,  der  ich  meine  Ansicht  über  die  Herkunft  dieser
Sage  mittheilte,  zugleich  mit  einem  kurzen  Überblicke  der  Siegfriedssage ­
  in  ihrer  jüngsten  Gestalt  als  Volksbuch,  meinte  jedoch:
das  sei  nicht  wahr,  den  Siegfried  kenne  sie  selbst  sehr  wohl,
der  habe  freilich  in  der  Deutschen  Lande  gelebt  und  sei  kein  Litauer
gewesen.  Auf  meine  Frage,  woher  sie  die  Siegfrieds-päsaka  kenne,
erwiederte  sie,  ihr  Vater  habe  ein  kleines  litauisches  Büchelchen
besessen  und  darin  habe  die  schöne  päsaka  vom  Siegfried  gestanden,
er  habe  dies  den  Kindern  oft  vorgelesen.  Es  muss  also  eine  litauische
Übersetzung  unseres  Volksbuches  existiren.
Aus  meinem  noch  kleinen  aber  ganz  und  gar  wortgetreu  aufgezeichneten ­
  Sagenvorrathe  greife  ich  folgende  zwei  heraus,  die  ich
als  Probe  hier  in  deutscher  Übersetzung  mittheile.  Zuerst  stehe  hier
das  Mährchen  vom  trägen  Mädchen.
„Eine  Frau  hatte  eine  sehr  faule  Tochter,  die  zu  keiner  Arbeit
Lust  hatte.  Einst  führte  sie  dieselbe  auf  einen  Kreuzweg  und  auf
dem  Kreuzwege  prügelte  sie  sie  durch.  Jetzt  fuhr  ein  Herr  des
Weges  daher  und  das  war  ein  Edelmann  und  er  fragte  wesshalb  sie
das  Mädchen  prügele.  Sie  sagte:  Herrchen!  sie  ist  eine  solche  Arbeiterinn,
  ja  sie  kann  das  Moos  von  der  Wand  abspinnen.  Jetzt  sagte
der  Herr:  Ei  da  gib  sie  nur  mir,  ich  habe  zu  Hause  genug  zu  spinnen.
Da  sagte  die  Frau:  nehmt  sie  nur  mit,  nehmt  sie  nur  mit,  ich  will
            
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