Über die Erfolge seiner nach Litauen unternommenen Wissenschaft!. Reise. 55 1
litauische Tracht fast gänglich verschwunden ist, auch der crasse
Aberglaube sich nicht in der grossen Ausdehnung erhalten hat,
wie in dem früher von mir bewohnten Sumpfneste, so ist die
Bevölkerung hier dennoch echt litauisch in Sprache und Überlieferung
von Sage, Lied u. dgl. Obwohl ich im Winter erst die
reichsten Zusendungen von Sagen u. s. w. erwarte, so sammle ich
selbst doch auch eifrig. Meine Chrestomathie dürfte wohl stärker
werden, als ich sie früher veranschlagt habe, denn der Reichthum
des litauischen Volkes an mündlicher Nationalliteratur ist wahrhaft
enorm. Eine einzige Frau, und die Frauen sind die hauptsächlichsten
Trägerinnen der Tradition, kann oft gegen 60 Dainas u. s. w. Hier
schöpfe ich bisher von einer einzigen Person, einem 16jährigen
Dienstmädchen, die ich so zahm gemacht habe, dass sie mir in die
Feder dictirt und vorsingt. Von ihr habe ich bereits 36 Räthsel,
12 Dainas (auf Dainas sehe ich es weniger ab als auf Nationalprosa,
Nessel mann will einige hundert Dainas ediren) und 6 päsakos
(Mährchen) erhalten und sie ist noch lange nicht leer. Wenn Rhesa
schrieb, dass er zur Sammlung seiner 85 Dainas 15 Jahre bedurtt
habe und dabei an Unterstützung von Seiten Anderer, Geldaufwand
u. s. f. es nicht gefehlt habe, so begreife ich das nicht. Ein paar
Sammler können in wenigen Tagen 85 Dainas an sich bringen.
Freilich muss der Sammler litauisch können und mit den Leuten
überhaupt umzugehen im Stande sein. Schon von mehreren Seilen
sind mir mündliche Mittheilungen angetragen worden, die ich mit
der Zeit einholen werde. Allerdings ist es eine anstrengende Arbeit
einer vorerzählenden Person treu nachzuschreiben oder sie zum
Singen zu bewegen, aber es geht; der Litauer hält mit seinen
Sachen gar nicht geheim, wie man allgemein behauptet. Wer weiss
wie frühere Sammler sich angestellt haben mögen!
Von den früher mitgetheilten grammatischen Grundsätzen, so
wie insbesondere von meiner Art der Schreibung, habe ich bisher
keinen Grund gefunden abzuweichen, vielmehr hat mich fernere
Erfahrung fester von der Richtigkeit derselben überzeugt.
Obwohl meine Chrestomathie die Originale aller von mir gesammelten
und mir zuzusendenden Sachen (was ich selbst sammeln kann
dürfte das Wenigste sein, da ich grammatischen, besonders dialektologischen
Studien hauptsächlich obliegen muss) mittheilen wird,
so scheint es mir doch vielleicht nicht ganz unpassend hier zur