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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 9. Band, (Jahrgang 1852)

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Prof.  Schleicher,

war,  wird  stehend  gebetet).  Doch  um  zur  Kindtaufe  zurückzukehren,
bemerke  ich  noch,  dass  bei  der  Hinreise  zur  Kirche  die  Pathen  bis
zur  Grenze  der  Dorfflur  schweigen  müssen,  damit  das  Kind  ein
ruhiges,  nicht  schreiiges  werde.  Nach  der  Rückkehr,  wird  das
Kind  an  den  Ofen  oder  unter  die  Ofenbank  gelegt,  oder  auch  sogleich ­
  dem  Vater  dargereicht.  Beides  soll  Ähnliches  bewirken  wie
das  Schweigen  der  Taufpathen.  Pathengeschenke  sind  auch  bei  den
Litauern  üblich.
Besonders  viel  alte  Bräuche  haben  sich  bei  den  Beerdigungen
erhalten;  hier  dürfte  einiges  dem  Mythologen  und  Sagenforscher
von  Interesse  sein.  Sobald  der  Schullehrer  im  Leichenhause  ankommt, ­
  wird  ein  Licht  angesteckt  und  auf  den  Tisch  gestellt.  Während ­
  der  ganzen  Feier  muss  auf  dem  Tische  ein  grobes  unangeschnittenes ­
  Brot  hegen,  ein  Teller  mit  Salz,  eine  Kanne  mit  Alias
oder  eine  oder  mehrere  Flaschen  Branntwein  dabei.  Jeder  Begleiter
bekommt  ein  Glas  Alaüs  und  ein  Stück  Weissbrod  (pirägas).  Sobald
die  Leiche  zum  Begraben  aufgehoben  wird  (vorher  wird  ein  geistliches ­
  Lied  gesungen  und  die  Leiche  von  den  weinenden  Angehörigen ­
  viel  geküsst),  wird  auf  der  Stelle,  wo  sie  gestanden  Aliis,
Branntwein  oder  Wasser  kreuzweise  ausgegossen  (hierin  steckt
sicherlich  ein  Rest  heidnischen 1 )  Brauches).  Auf  dem  Kirchhofe,  der
meist  auf  einer  etwas  höheren  Stelle  (ant  kälno,  auf  dem  Berge)
angelegt,  mit  Feldsteinen  eingefasst  und  mit  Bäumen  3 )  bepflanzt
ist,  wird  ein  hölzernes  niedriges  Kreuz  auf  das  Grab  gesetzt,  bei
weiblichen  Verstorbenen  werden  die  oberen  zwei  Winkel  des  Kreuzes
durch  zwei  Querstäbe  verbunden.  Der  Leichenschmaus  dauert  ein
paar  Tage.  Auf  solchen  Schmäusen  (czesrfis)  entwickelt  der  Litauer
viel  Ess-  und  Trinklust;  die  erste  Nacht,  das  fordert  der  Aberglaube,
müssen  wenigstens  einige  Gäste  mit  den  Angehörigen  bis  zum  hellen
läge  trinkend  aushalten.  Viel  Vieh,  ja  oft  fast  alles  (bei  ärmeren
Leuten)  wird  zu  solchem  Zwecke  geschlachtet;  nicht  mit  Unrecht
singt  der  alte  Lepner  in  seinem  „preussischen  Litauer  oder  Vorstel-)
  N'och  jetzt  heisst  ja  der  Donner  perküns,  noch  rafft  die  giltine  die
Menschen  dahin  u.  a.  in.,  was  gelegenheitlich  der  Dainos  in  meinem  Glossar
zu  besprechen  sein  wird.
)  Die  beliebtesten  Bäume  in  den  Dörfern  sind  Weide,  Ahorn  (aeer  pseudoplatanus),
  Birke,  Esche  und  Eiche,  an  Obstbäumen  fand  ich  nur  Apfel-,
Birn-  und  Weichselbäume,  besonders  letztere  halb  verwildert.
            
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