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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 9. Band, (Jahrgang 1852)

Graf  Rudolf  Chotek,  k.  k.  österr.  Staats-  und  Conferenz-Minister.  43T
Kaiserinn  achtete  ihn  hoch;  sie  schrieb  ihm  oft  Briefe  auf  kleinen
Zetteln  in  dem  ihr  eigenthümlichen  Styl.  Die  Chotek’sche  Familie
bewahrt  sie  noch  als  kostbare  Reliquien.  Graf  Rudolf  Clxotek  starb
1771.  Seine  einzige  Tochter  war  mit  dem  Grafen  Taatfe  vermählt.
Graf  Johann  Chotek  besass  nicht  den  feurigen  Geist  seines  Bruders,
nicht  das  lebendige  Element,  das  der  Devise  folgte:  „deliberante
Roma  iperit  Saguntum”,  aber  er  bewährte  sein  administratives
finanzielles  Talent  in  mancher  schweren  Zeit  und  in  vielen  Ämtern.
Er  war  1740  bei  der  Regierung  in  Schlesien  in  Diensten,  1743
Generalcommissär  bei  der  k.  k.  Armee  in  der  Oberpfalz,  später
oberster  Feldkriegscommissär.  Maria  Theresia  trug  ihm  den  Fürstentitel ­
  an,  schenkte  ihm  einen  Palast  in  der  Josephsstadt.  1748  ging  er
als  bevollmächtigter  Minister  nach  Berlin;  1782  berief  ihn  Maria
Theresia  als  Kanzler  des  Generaldirectoriums  nach  Wien.  Nach  dem
Tode  seines  Bruders  zog  er  sich  von  den  ölfentlichen  Geschäften
zurück  und  starb  1787  den  8.  November.
Sein  Sohn  war  Graf  Job.  Rudolf  Chotek,  geb.  17.  Mai  1748,
gest.  26.  Aug.  1824,  k.  k.  Staats-  und  Conferenzminister,  geheimer
Rath  und  Kämmerer,  Ritter  des  goldenen  Yliesses  etc.  Seine  Geburt
hatte  ihn  auf  eine  Bahn  gestellt,  wo  die  beste  Bildung  der  Zeit  ihm
begegnen  konnte.  Bei  dem  Zustande  der  österr.  Universitäten,  wo
bis  1763,  als  Sonnenfels  eine  neue  Bahn  brach,  nur  römisches  Recht,
Kirchenrecht  und  Naturrecht  vertreten  waren,  mussten  unsere  jungen ­
  Männer  ihre  staatswissenschaftlichen  Kenntnisse  aus  fremden
Quellen  schöpfen.  Göttingen,  Halle  und  Strassburg  haben  dadurch
einen  bedeutenden  Einfluss  auf  die  Ideen  und  Principien  genommen,
die  unseren  Staatsmännern  bei  der  Entwickelung  staatlicher  Reformen
vorleuchteten.  Graf  Rudolf  machte  seine  Schule  im  Hause  seines
Vaters  und  Oheims  durch.  Sein  Geist  entwickelte  sich  früh  und
rasch;  er  schöpfte  aus  der  Theorie  wie  aus  dem  lebendigen  Stoffe
der  menschlichen  Verhältnisse.  Im  22.  Jahre  begann  er  seine  Carriere
  als  niederösterr.  Regierungsrath.  Wie  sein  Oheim  dem  Grossherzog ­
  von  Toscana,  so  diente  er  seinem  Sohne,  Kaiser  Joseph  II.
Er  war  als  Kammerherr  mit  Kobenzl  und  Colloredo  im  Gefolge  auf
seinen  Reisen  in  Ungern  und  Böhmen,  bei  den  Besuchen  in  Dresden
und  München.  Ein  Strom  des  Glückes  umfloss  ihn  und  trug  ihn.
Joseph  II.  erkannte  mit  seinem  Scharfblicke  die  Talente  des  Grafen,
und  auf  seinen  Vorschlag  erhob  ihn  Maria  Theresia  1776  zum  Hof-
            
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