Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 9. Band, (Jahrgang 1852)

318

Prof.  Golclenthal.

Denn  was  Rapoport  und  Zunz  anlangt,  so  besitzen  diese
Realien  genug,  um  die  trockensten  bibliographischen  Studien  fruchtbar ­
  und  für  eine  folgende  inhaltliche  Forschung  gedeihlich  und  fördernd ­
  zu  machen.  Ihre  Arbeiten  sind  jedenfalls  den  Fortschritt  begünstigend, ­
  und  selbst  als  solcher  zu  betrachten.  Aber  die  Jüngeren,
die  eigentliche  Schule  macht  es  sich  leicht,  greift  bloss  nach  der
Schale  und  lässt  den  Kern  liegen,  ja  ahmt,  in  der  Meinung  im  Sinne
der  Erstem  fortzuarbeiten,  sehr  oft  gerade  das  Tadelnswerthe  nach.
Gefährlich  ist  es  freilich,  eine  junge  Blttthe  in  der  Literatur  mit
dem  scharfen  Hauche  der  Kritik  gleich  zerstören  zu  wollen,  und  mit
Rücksicht  darauf  sprachen  wir  jedesmal  bei  vorkommender  Gelegenheit, ­
  wie  zum  Beispiel  am  Eingänge  der  von  uns  herauszugeben  beabsichtigten ­
  hebräischen  Monatsschrift  „Zion”  (Leipzig  1845),  unsern
  Tadel  gelinde  aus.  Wenn  aber,  im  Verlauf  der  Entwickelung,  die
Consequenzen  zum  Übergriff  werden,  wenn  die  Anfänge  einer  historischen ­
  Forschung,  die  blossen  Vorarbeiten  dazu,  als  eigentlicher
Zweck  und  Strebeziel  behandelt  werden,  wenn  zum  Beispiel  die  bei
Zunz  noch  vorherrschende  altgelehrte  Manier,  den  Text  mit  einer
Ehrfurcht  gebietenden  Ladung  von  Citaten  gleich  schweren  bleiernen
Gewichten  zu  umhängen,  in  eine  leere  Citatenmacherei  auszuarten
drohet,  da  ist  es  strenge  Pflicht,  mit  unparteiischer  Rücksichtslosigkeit ­
  Einhalt  zu  thun,  die  ausgetretenen  Fluthen  in  ihr  Bett  zurückzudrängen, ­
  und  auf  ein  ernstes  wissenschaftliches  Studium  nachdrücklich ­
  hinzuweisen.
Für  die  Zwecke  dieser  Schule  hat  ein  jedes  Literaturwerk  nur
in  so  fern  Werth,  als  darin  irgend  ein  Name  eines  andern  Autors
oder  Werkes  erwähnt  wird,  der  zum  Citat  benützt  werden  kann,  im
Übrigen  möge  der  Inhalt  sein  welcher  er  wolle,  er  ist  und  bleibt  für
sie  gleichgültig.  Es  ist  da  so  leicht  den  Schriftsteller-Ruhm  zu  erwerben, ­
  man  braucht  eigentlich  gar  nicht  viel  zu  studiren,  man  nimmt
den  besagten  literar-geschichtlichen  Apparat  zur  Hand,  wählt  sich
irgend  einen  Heroen,  sucht  ihn  in  einigen  zeitgenössischen  Werken
auf,  behängt  ihn  mit  einigen  schönen  Perlenschnüren  von  Citaten,  und
so  ist  die  Biographie  fertig,  und  damit  auch  der  eigene  Anspruch  auf
das  Schriftstellerverdienst.  Nirgends,  in  keinem  Zweig  der  Literatur
lässt  sich  der  echt  wissenschaftlichen  Forschung  mit  so  leichten  Ersatzmitteln ­
  Eintrag  thun,  wie  in  diesem  Fache.  Bei  jedem  Studium,
das  nur  einigermassen  den  Inhalt  berührt,  muss  doch  jedenfalls  auf
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.