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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 9. Band, (Jahrgang 1852)

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Prof.  Goldenthal.

Die  neueste  historische  Schule  in  der  jüdischen  Literatur.
(Zugleich  Bericht  über  die  von  Hrn.  Dukes  der  Akademie  vorgelegten  Werke.)
Von  dem  c.  M.,  Hrn.  Professor  Dr.  Coldcnthal.
Geschichte  ist  das  Losungswort  unserer  Zeit.  Merken  wir  auf
die  Thätigkeit  des  Geistes  zu  allen  Zeiten  und  in  allen  Beziehungen,
so  gewährt  sie  uns  den  Anblick  einer  durchgängigen  Doppelseitigkeit.
Production  und  Reproduction,  Schaffen  und  Ordnen  des  Geschaffenen, ­
  selbstständige  Forschung  und  nachträgliche  Revision  der  Geschichte ­
  folgen  wechselseitig  auf  einander,  ergänzen  sich  gegenseitig ­
  in  dem  strengpünctlichen  Leben  und  Wirken  des  Geistes.  Ist
der  neu  aufgefundene  Stoff  genugsam  vorhanden,  sucht  ihn  die  Geschichte ­
  zu  sammeln  und  zu  gestalten  ,  und  hat  die  Gestaltung  ihre
Vollendung  erreicht,  zerstiebt  sie  in  sich  selber,  um  in  grösserem
Umfange  sich  zu  entwickeln.
Dass  nun  diese  nachträgliche  Schöpfungsart  des  Geistes,  die
geschichtliche  Forschung  gegenwärtig  allenthalben  in  der  Literatur
wahrzunehmen  ist,  waltet  für  den  Bewanderten  kein  Zweifel  ob.  Dass
aber  auch  inderjiidischenLiteratur  diese  geschichtliche  Richtung  jetzt
sich  kund  gibt  und  vorherrscht,  gehört  zu  jenen  Ereignissen  der
Geschichte,  die  wohl  merkwürdig  in  ihrem  Zusammentreffen  sind,
doch  fast  unbegreiflich  in  ihrer  Äusserung.  Thatsache  ist  es  nun
einmal.
Geschichte  bildet  jetzt  den  Hauptpunct,  der  die  bedeutenderen
Kräfte  in  der  jüdischen  Literatur  in  Anspruch  nimmt  und  beschäftiget, ­
  und  ist,  wenn  auch  noch  in  geringen  Anfängen,  doch  schon
so  weit  gereift,  dass  sich  einürtheil  hierüber  mit  Bestimmtheit  fällen
lässt.  Und  zwar  ist  das  Urtheil  hier  nicht  willkürlich  mehr,  denn  dann
wäre  die  Thatsache  noch  keine  gereifte,  keine  vollendete  ebenfalls.
Das  Urtheil  ist  hier  vielmehr  ein  sich  aufdringendes,  ein  aus
der  Natur  des  Gegenstandes  sich  ergebendes.  Ein  jeder  Literaturzustand, ­
  der  eine  gewisse  Reife  erlangt  hat,  sucht  durch  das  Hervorspriessen
  seiner  eigenen  Mängel  in  einen  andern  umzuschlagen,
gleich  dem  gereiften  Apfel,  der  selbst  vom  Baume  fällt,  oder  der
vollen  Knospe,  die  sich  zerblättert  und  im  Zerblättern  selber  die
neue  Gestaltung  zeigt.
            
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