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Prof. Goldenthal.
Die neueste historische Schule in der jüdischen Literatur.
(Zugleich Bericht über die von Hrn. Dukes der Akademie vorgelegten Werke.)
Von dem c. M., Hrn. Professor Dr. Coldcnthal.
Geschichte ist das Losungswort unserer Zeit. Merken wir auf
die Thätigkeit des Geistes zu allen Zeiten und in allen Beziehungen,
so gewährt sie uns den Anblick einer durchgängigen Doppelseitigkeit.
Production und Reproduction, Schaffen und Ordnen des Geschaffenen,
selbstständige Forschung und nachträgliche Revision der Geschichte
folgen wechselseitig auf einander, ergänzen sich gegenseitig
in dem strengpünctlichen Leben und Wirken des Geistes. Ist
der neu aufgefundene Stoff genugsam vorhanden, sucht ihn die Geschichte
zu sammeln und zu gestalten , und hat die Gestaltung ihre
Vollendung erreicht, zerstiebt sie in sich selber, um in grösserem
Umfange sich zu entwickeln.
Dass nun diese nachträgliche Schöpfungsart des Geistes, die
geschichtliche Forschung gegenwärtig allenthalben in der Literatur
wahrzunehmen ist, waltet für den Bewanderten kein Zweifel ob. Dass
aber auch inderjiidischenLiteratur diese geschichtliche Richtung jetzt
sich kund gibt und vorherrscht, gehört zu jenen Ereignissen der
Geschichte, die wohl merkwürdig in ihrem Zusammentreffen sind,
doch fast unbegreiflich in ihrer Äusserung. Thatsache ist es nun
einmal.
Geschichte bildet jetzt den Hauptpunct, der die bedeutenderen
Kräfte in der jüdischen Literatur in Anspruch nimmt und beschäftiget,
und ist, wenn auch noch in geringen Anfängen, doch schon
so weit gereift, dass sich einürtheil hierüber mit Bestimmtheit fällen
lässt. Und zwar ist das Urtheil hier nicht willkürlich mehr, denn dann
wäre die Thatsache noch keine gereifte, keine vollendete ebenfalls.
Das Urtheil ist hier vielmehr ein sich aufdringendes, ein aus
der Natur des Gegenstandes sich ergebendes. Ein jeder Literaturzustand,
der eine gewisse Reife erlangt hat, sucht durch das Hervorspriessen
seiner eigenen Mängel in einen andern umzuschlagen,
gleich dem gereiften Apfel, der selbst vom Baume fällt, oder der
vollen Knospe, die sich zerblättert und im Zerblättern selber die
neue Gestaltung zeigt.