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Prof. Thomas. Über eine Stelle des Tacitus.
Thatsache hat sich schon zu wiederholten Malen bewährt. Wer im
Drange der Umstände, mit Übereilung und ohne gehörige Wahl der
geeigneten Mittel baut, der sieht sich bald in der Notliwendigkeit,
Nachbesserungen yorzunelnnen oder gar ganze Partien des Gebauten
wieder abzutragen, man mag dies auf die physische oder auf die
moralische Ordnung beziehen, denn beiden steht hierin ein gleiches
Geschick bevor.
Jeder bürgerliche Verein in der Wirklichkeit bewegt sich in
seinem Entwickelungsgange von ursprünglich einfachen Einrichtungen
zu einem immer künstlicheren Organismus fort. Dem Einen wird das
Glück zu Theil, dass ein solcher Entwickelungsgang unter der Leitung
der in ihm waltenden Intelligenz allmählich und stufenweise vor sich
geht; den Anderen versetzen aber zuweilen ausserordentliche Vorfälle
plötzlich in ganz neue politische Formen. Wo ein solcher rascher
Übergang in andere organische Einrichtungen stattfindet, da pflegt
auch ein baldiger Umbau des im Zustande der Wirren aufgeführten
Werkes nicht auszubleiben. Denn häufig reisst die leidenschaftliche
Aufregung rücksichtslos das Vorhandene nieder und setzt Institute
und Normen an die Stelle, die bei näherer Prüfung als Übergriffe
erkannt, und auf das natürliche Mass zurückgeführt werden. Wo ein
solcher Zeitpunct der Prüfung und Umänderungen eintritt, da wird
das Geschick des Staates von neuem gewogen, und in der Regel auf
eine längere Zeit hinaus bestimmt und gegründet.
Über eine Stelle des Tacitus, Annal. /. c. 59.
Von Hin. Prof. Thomas.
Dr. G. T h omas sprach über eine Stelle aus dem ersten Buche
der A n n a 1 e n des T a c i tu s, welche, wie auch er glaubt, handschriftlich
verdorben ist. Dieselbe gehört jenem Theile der Erzählung an,
wo Tacitus von dem Verrathe des Segestes nach dem erneuten
Kriege der Cherusker unter Arminius handelt, damals als Germanicus
(IS—16 J. n. Chr.) den Oberbefehl am Rheine führte. Er entwickelte
aus dem ganzen Zusammenhänge das Ungenügende der bisher
gemachten Verbesserungen und suchte dann einen neuen eigenen
Vorschlag durch die Gesetze der Kritik, wie durch den Sinn der
Stelle zu rechtfertigen.