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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 9. Band, (Jahrgang 1852)

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Prof.  Thomas.  Über  eine  Stelle  des  Tacitus.

Thatsache  hat  sich  schon  zu  wiederholten  Malen  bewährt.  Wer  im
Drange  der  Umstände,  mit  Übereilung  und  ohne  gehörige  Wahl  der
geeigneten  Mittel  baut,  der  sieht  sich  bald  in  der  Notliwendigkeit,
Nachbesserungen  yorzunelnnen  oder  gar  ganze  Partien  des  Gebauten
wieder  abzutragen,  man  mag  dies  auf  die  physische  oder  auf  die
moralische  Ordnung  beziehen,  denn  beiden  steht  hierin  ein  gleiches
Geschick  bevor.
Jeder  bürgerliche  Verein  in  der  Wirklichkeit  bewegt  sich  in
seinem  Entwickelungsgange  von  ursprünglich  einfachen  Einrichtungen
zu  einem  immer  künstlicheren  Organismus  fort.  Dem  Einen  wird  das
Glück  zu  Theil,  dass  ein  solcher  Entwickelungsgang  unter  der  Leitung
der  in  ihm  waltenden  Intelligenz  allmählich  und  stufenweise  vor  sich
geht;  den  Anderen  versetzen  aber  zuweilen  ausserordentliche  Vorfälle ­
  plötzlich  in  ganz  neue  politische  Formen.  Wo  ein  solcher  rascher
Übergang  in  andere  organische  Einrichtungen  stattfindet,  da  pflegt
auch  ein  baldiger  Umbau  des  im  Zustande  der  Wirren  aufgeführten
Werkes  nicht  auszubleiben.  Denn  häufig  reisst  die  leidenschaftliche
Aufregung  rücksichtslos  das  Vorhandene  nieder  und  setzt  Institute
und  Normen  an  die  Stelle,  die  bei  näherer  Prüfung  als  Übergriffe
erkannt,  und  auf  das  natürliche  Mass  zurückgeführt  werden.  Wo  ein
solcher  Zeitpunct  der  Prüfung  und  Umänderungen  eintritt,  da  wird
das  Geschick  des  Staates  von  neuem  gewogen,  und  in  der  Regel  auf
eine  längere  Zeit  hinaus  bestimmt  und  gegründet.

Über  eine  Stelle  des  Tacitus,  Annal.  /.  c.  59.
Von  Hin.  Prof.  Thomas.
Dr.  G.  T  h  omas  sprach  über  eine  Stelle  aus  dem  ersten  Buche
der  A  n  n  a  1  e  n  des  T  a  c  i  tu  s,  welche,  wie  auch  er  glaubt,  handschriftlich ­
  verdorben  ist.  Dieselbe  gehört  jenem  Theile  der  Erzählung  an,
wo  Tacitus  von  dem  Verrathe  des  Segestes  nach  dem  erneuten
Kriege  der  Cherusker  unter  Arminius  handelt,  damals  als  Germanicus
  (IS—16  J.  n.  Chr.)  den  Oberbefehl  am  Rheine  führte.  Er  entwickelte ­
  aus  dem  ganzen  Zusammenhänge  das  Ungenügende  der  bisher ­
  gemachten  Verbesserungen  und  suchte  dann  einen  neuen  eigenen
Vorschlag  durch  die  Gesetze  der  Kritik,  wie  durch  den  Sinn  der
Stelle  zu  rechtfertigen.
            
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