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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 98. Band, (Jahrgang 1881)

Die  Kunamu-Spracho  in  Nordoul-Afrika.

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Der  alte  Glaube  der  Kunaraa  geht  diesem  Gottesbegriff
noch  nebenher  und  zeigt  allein  eine  tiefere  und  praktische
Bedeutung  für  das  Volk.  Er  äussert  sich  in  der  ehrfurchtsvollen ­
  Betrachtung  des  Himmelsgewölbes,  höra  (bei  den  Barea
nere)  genannt.  Der  Himmel  spendet  Regen,  um  die  von  der
Sonne  versengten  Felder  zu  tränken  und  wieder  zu  beleben,
die  nothwendige  Vorbedingung  für  das  Gedeihen  der  Ackerbau
und  Viehzucht  treibenden  Kunama.  Diesem  sichtbaren  Himmel,
der  hinter  der  blauen  Decke  den  Regen  birgt,  wird  allein  eine
bestimmte  Sorgfalt  zugewendet,  damit  er  zu  seiner  Zeit  den
wohlverwahrten  Regen  ausströmen  lasse.
Dieses  Amt,  auf  den  Himmel  einzuwirken,  versieht  für
das  Volk  ,der  Regenherr'  (aula  mdnna),  welcher  in  Folge
dieses  Berufes  als  eine  Art  geistliches  Oberhaupt  der  Kunama
angesehen  werden  kann;  doch  besitzt  derselbe  in  keinerlei
Weise  irgend  welchen  Einfluss  auf  das  Volk.  Er  bewohnt
mit  seiner  Familie  den  Berg  Koita  bei  Betkom,  und  seine
Durrafelder  werden  ihm  daselbst  alljährlich  vom  Volke  bestellt,
damit  er  sich  ausschliesslich  nur  seinem  geistlichen  Berufe
widmen  könne.
Die  Functionen  des  Regenherrn  nehmen  ihren  Anfang
um  die  Mitte  des  Monats  März  mit  dem  Nationalfeste  köwa, 1
dem  einzigen  Feste  der  Kunama,  das  vier  Tage  hindurch  gefeiert ­
  wird.  Es  ist  dies  das  Ernte-  und  zugleich  Neujahrsfest
der  Kunama  und  wird  auf  dem  Koita,  dem  Sitze  des  Regenherrn, ­
  begangen.  Allgemeine  Urfehde  im  Lande  zur  Zeit  des
Festes  ermöglicht  den  Zusammenfluss  des  Volkes  aus  allen
Gegenden,  um  an  der  Feier  theilnehmen  zu  können.  So  ziehen
dann  die  Leute  aus  allen  Gauen  und  Ortschaften  herbei,  versehen ­
  mit  reichen  Lebensmitteln,  und  verbringen  die  festlichen
Tage  bei  munterem  Spiel,  Sang  und  Tanz.  Dem  Regenherrn
werden  bei  diesem  Anlasse  beträchtliche  Geschenke  gebracht,
indem  jedes  Dorf  ihm  ein  freiwilliges  Deputat  an  Vieh,  Korn,
Butter,  Honig  und  Kleidungsstücken  als  Ehrengaben  zuführt.
An  einem  dieser  Tage  wird  auf  dem  freien  Platze  vor
dem  Hause  des  Regenherrn  ein  Bassin  ausgegraben  und  dann
1  Passive  Nominalform  ko-ü-a  (s.  §.  57,  113  und  122)  vom  Verb  ü  intrare
(§.  G3)  weil  an  diesem  Feste,  wie  ans  dem  Folgenden  ersehen  werden
wird,  der  Himmel  vom  Regenherrn  erstürmt  wird.
            
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