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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 98. Band, (Jahrgang 1881)

Mittheilungeu  ans  altdeutschen  Handschriften.  IV.

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Welche  Gründe  für  die  herkömmliche  und,  wie  es  scheint,
allgemein  angenommene  Meinung  vorgebracht  werden  können,
zuerst  sei  i  diphthongiert  worden,  das  habe  dann  ei  :  ai  nachgezogen, ­
  weiss  ich  nicht,  da  ich  sie  nirgends  gelesen  habe.
Es  mag  dem  angeführten  Thatbestande  nach  erlaubt  sein,  den
entgegengesetzten  Weg  für  den  wahrscheinlichen  zu  halten,
umsomehr,  als  es  vielleicht  möglich  ist,  diesen,  vorläufig  nur
durch  eine  Vermuthung,  zu  erklären.
Es  ist  bekannt,  dass  der  Umlaut  der  langen  Vocale  spät
und  mühsam,  auch  unvollständig,  zur  Geltung  gelangte.  Insgemein ­
  wird  das  Melker  Marienlied  als  das  Denkmal  angesehen,
dessen  Schreiber  der  neuen  Laute  sicher  genug  zu  sein  glaubte,
um  ihre  Bezeichnung  zu  fixieren  (MSD 2  S.  435,  Gr.  P,
173).  Allein,  wenn  auch  diese  Zeichen  endlich  siegten,  das
Schwanken  dauerte  während  des  ganzen  XII.  Jahrhunderts  und
darüber  hinaus.  Das  ist  in  beiden  möglichen  Momenten  erkennbar: ­
  in  den  mannigfaltigen  Zeichen  (14  in  St.  Ulrich)
für  ob  und  in  den  vielfachen  Functionen  des  ce,  das  für  eine
ganze  kleine  Scala  von  Lauten,  z.  B.  auch  in  unserer  BR.  eintritt.
  Am  wichtigsten  scheinen  mir  aus  der  ersten  Gruppe  die  ai
für  ob  (Weinh.  BG.  §.  66)  und  asi,  ei  für  ce  (§.  80,  Gr.  I 3 ,  185).
Die  dort  angegebenen  Beispiele  lassen  sich  aus  den  angeführten
Denkmälern  der  Uebergangszeit  und  anderen  recht  vermehren,
auch  XXVIII  der  BR.  steht  baiunge.  Wenn  ich  nach  Scherers
Erklärung  des  Umlautes  die  einzelnen  Stadien  desselben  mir
vorstelle,  erhalte  ich  folgende  Reihe:  ä-ni,  d-nj,  d-n,  ä-jn,  äin,
(ein,  een,  cen.  Ich  meine  nun,  dass  die  hervorgehobene  Schreibung
die  letzten  Stadien  des  Ueberganges  zum  reinen  te  bezeichne
und  dass  diese  Stadien  bis  in  das  letzte  Drittel  des  XII.  Jahrhunderts ­
  und  weiter  nicht  vollkommen  überwunden  waren.  Ist
dies  der  Fall  und  galt  osi  eine  Zeit  lang  als  berechtigter  Vertreter ­
  des  Umlautes  von  ä,  so  entstand  eine  Collision  mit  dem
alten  ei  (gerne  auf  dem  ersten  Vocal  der  Accent  oder  Circumflex,
  Weinh.  §.  76),  welche  Differenzierung  nöthig  machte;  die
geforderte  trat  ein  durch  Verschiebung  des  ei  zu  ai.  Während
diese  sich  vollzog,  hatte  aber  der  Umlautungsprocess  des  d  in
«  seine  definitive  Endgestalt  gewonnen,  das  ei  war  wieder  frei
und  i  setzte  sich  in  Bewegung,  den  leeren  Platz  einzunehmen.
Die  Art  zu  erkennen,  wie  das  sich  vollzog,  scheint  mir  eben-
            
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