Die Knnama-Spracke in Nordost-Afrika
89
digung gegen äussere Feinde: die Kunama kennen keinen
Staat und keine Stände oder gar ein Oberhaupt, jeder ist dem
andern gleich, daher auch der Volksname, den sie sich beigelegt
haben, ku-nüma, das gemischte Volk, 1 und zwar gemischt
in dem Sinne, dass kein Individuum irgend einen Vorzug
(Macht oder Stellung gegenüber seinen Landsleuten) vor
den übrigen besitzt.
Eine gewisse Organisation, so wenig auch auf diese Bezeichnung
die staatliche Einrichtung der Kunama Anspruch
hat, ist unter allen Umständen für ein Volk unerlässlich und
in jenem Lande auch thatsächlich vorhanden. Seit altersher
haben die Herren von Adyabo, wie erwähnt, vom Ivunama-Land
Tribut eingehoben und einer Summe von Dörfern ein
bestimmtes Contingent abgefordert. Da also in Tributsachen
stets bestimmte Ortschaften zusammenstanden, so entwickelte
sich hieraus allmälig das Gefühl der Zusammengehörigkeit
dieser Ortschaften zu je einem Ganzen, woraus die Eintheilung
des Landes in Gaue oder. Landschaften (Idga) hervorging.
Jeder dieser Gaue bildet für sich auch insofern ein Ganzes,
als kein Dorf ein anderes, das dem gleichen Gaue angehört,
je räuberisch überfallen würde, demnach alle Ortschaften ein
und desselben Gaues unter sich in Frieden zusammenstehen.
Eine weitere Bedeutung oder irgend ein Einfluss des Gaues
auf eine Gemeinde (Dorf) kommt dem Gaue nicht zu, wie ja
auch keinerlei Gaubehörde existirt.
Die eigentliche Organisation des Volkes beschränkt sich
auf die Gemeinde. Die Bewohner eines Dorfes betrachten
sich als zusammengehörige Brüder insoweit, dass sie bei einem
Angriff an ihre Gemeinde oder bei einem Raubzug nach einem
andern Dorfe ausserhalb ihres Gaues zusammenstehen.
Innerhalb des Dorfes oder der Gemeinde unterscheidet
man die stimmberechtigten, selbständigen Männer und die
unter Vormundschaft stehenden Frauen und Kinder. Die Würde
eines Gemeindevorstehers oder Richters kennen aber die Ku-1
Ein des Arabischen etwas kundiger Kunama übersetzte mir diesen Namen
mit Äj,liLc ^.ä — ; vgl. auch unten §. 116. Bei den Tigres im Barka
werden die Kunama JBäzä (n*i : und n»i 0, bei den Abessiniern
Schänqallä auch Schanyallä, d. i. Sklave, Neger genannt.