Studie zur Geschichte der Harmonie.
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Eine abweichende Ansicht könnte annehmen, dass diese
Gesänge solmisirt wurden, dass sie ohne Text, nur mit den
Solmisationssylben gesungen wurden.
Ein Anhaltspunkt ist aber auch dafür nicht zu finden.
Man könnte ferner gegen die Ansicht, dass diese Gesänge
ohne Text gesungen wurden, anführen: es Hesse sich daraus,
dass hier kein Text steht, gar kein Schluss ziehen, denn die
vorliegenden Gesänge seien lediglich Beispiele, harmonische
Fragmente, bei denen es dem Schriftsteller nicht von Belang erschien
den Text beizugeben, sondern er hätte nur die mehrstimmige
Behandlung des Cantus firmus zeigen wollen. Diese
Ansicht scheint um so eher haltbar, als ja der Fauxbourdon
als ein ,höheres Quinten-OrganunF angesehen wird. Ich will
mich vorläufig nicht in die Erörterung einlassen, ob die Unterscheidung
verschiedener ästhetischer Höhe richtig ist, ob, wenn
auch ästhetisch dem einfachsten dreistimmigen Fauxbourdon
eine höhere Stellung zukommt als dem vierstimmigen Quintenund
Quartenorganum, specifisch musikalische Vergleichspunkte
zwischen den beiden Gesängen zu finden seien, ob sie nicht
vielmehr etwas generell verschiedenes sind. Angenommen
diese höhere Stellung bestünde, so müsste man auch annehmen,
dass die vorliegenden Gesänge bald solfeggirt bald solmisirt,
bald mit selbständigem Texte vorgetragen worden sind. In
der heutigen mehrstimmigen Volksmusik werden ganze Gesänge
ohne Text gesungen und es steht fest, dass entgegen den zumeist
einstimmigen Strophengesängen die mehrstimmigen Gesänge
am häufigsten textlos ertönen; es ist geradezu als ob
das Volk in der Harmonie einen Ersatz für den Text fände.
Wenn also jene oben ausgesprochene Hypothese sich bewahrheiten
würde, nemlich dass hier ein Durchbruch mehrstimmiger
Volksmusik vorliegt, so könnte dem entsprechend angenommen
werden, dass die Gesänge auch textlos gesungen worden
sind. Beide Ansichten sind, ich wiederhole es, äusserst
hypothetischer Natur und nur deshalb angeführt, um einen
Schlüssel anzugeben für die Lösung jener den Fauxbourdon-Gesängen
gemeinschaftlichen, specifisch harmonischen Eigenschaften.
Der Rhythmus der meisten in dem Tractate angeführten
Gesänge ist dreitheilig und zwar einfach dreitheilig oder sechs-