Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 98. Band, (Jahrgang 1881)

Studie  zur  Geschichte  der  Harmonie.

821

Eine  abweichende  Ansicht  könnte  annehmen,  dass  diese
Gesänge  solmisirt  wurden,  dass  sie  ohne  Text,  nur  mit  den
Solmisationssylben  gesungen  wurden.
Ein  Anhaltspunkt  ist  aber  auch  dafür  nicht  zu  finden.
Man  könnte  ferner  gegen  die  Ansicht,  dass  diese  Gesänge
ohne  Text  gesungen  wurden,  anführen:  es  Hesse  sich  daraus,
dass  hier  kein  Text  steht,  gar  kein  Schluss  ziehen,  denn  die
vorliegenden  Gesänge  seien  lediglich  Beispiele,  harmonische
Fragmente,  bei  denen  es  dem  Schriftsteller  nicht  von  Belang  erschien ­
  den  Text  beizugeben,  sondern  er  hätte  nur  die  mehrstimmige ­
  Behandlung  des  Cantus  firmus  zeigen  wollen.  Diese
Ansicht  scheint  um  so  eher  haltbar,  als  ja  der  Fauxbourdon
als  ein  ,höheres  Quinten-OrganunF  angesehen  wird.  Ich  will
mich  vorläufig  nicht  in  die  Erörterung  einlassen,  ob  die  Unterscheidung ­
  verschiedener  ästhetischer  Höhe  richtig  ist,  ob,  wenn
auch  ästhetisch  dem  einfachsten  dreistimmigen  Fauxbourdon
eine  höhere  Stellung  zukommt  als  dem  vierstimmigen  Quintenund
  Quartenorganum,  specifisch  musikalische  Vergleichspunkte
zwischen  den  beiden  Gesängen  zu  finden  seien,  ob  sie  nicht
vielmehr  etwas  generell  verschiedenes  sind.  Angenommen
diese  höhere  Stellung  bestünde,  so  müsste  man  auch  annehmen,
dass  die  vorliegenden  Gesänge  bald  solfeggirt  bald  solmisirt,
bald  mit  selbständigem  Texte  vorgetragen  worden  sind.  In
der  heutigen  mehrstimmigen  Volksmusik  werden  ganze  Gesänge
ohne  Text  gesungen  und  es  steht  fest,  dass  entgegen  den  zumeist ­
  einstimmigen  Strophengesängen  die  mehrstimmigen  Gesänge ­
  am  häufigsten  textlos  ertönen;  es  ist  geradezu  als  ob
das  Volk  in  der  Harmonie  einen  Ersatz  für  den  Text  fände.
Wenn  also  jene  oben  ausgesprochene  Hypothese  sich  bewahrheiten ­
  würde,  nemlich  dass  hier  ein  Durchbruch  mehrstimmiger
Volksmusik  vorliegt,  so  könnte  dem  entsprechend  angenommen
werden,  dass  die  Gesänge  auch  textlos  gesungen  worden
sind.  Beide  Ansichten  sind,  ich  wiederhole  es,  äusserst
hypothetischer  Natur  und  nur  deshalb  angeführt,  um  einen
Schlüssel  anzugeben  für  die  Lösung  jener  den  Fauxbourdon-Gesängen
  gemeinschaftlichen,  specifisch  harmonischen  Eigenschaften. ­

Der  Rhythmus  der  meisten  in  dem  Tractate  angeführten
Gesänge  ist  dreitheilig  und  zwar  einfach  dreitheilig  oder  sechs-
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.