Studie zur Geschichte der Harmonie.
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Gesang scheint der Keim, die Urform aller sogenannten
harmonischen Gesänge zu sein; seiner musikalischen
Stellung nach steht er in dieser Form hinter dem Fauxbourdon.
Er hat sich aber neben und mit demselben entwickelt und
wenn auch bisher sein Name oder ein demselben adaequater
Name in anderen Ländern als in England sich nicht vorfindet,
so kann man doch mit Sicherheit sagen, dass dieser Gesang
auch in den übrigen Ländern gepflegt wurde und dass die
Engländer infolge ihres Conservativismus diesen Namen noch
beibehielten, als sich das Wesen des Gesanges schon mit dem
Fauxbourdon verflochten hatte. Uebrigens könnte man auch
sagen, dass, was der Name Fauxbourdon für die romanischen
Völker sei, der Name Gymel für die englische Nation bedeute.
Die etymologische Erklärung des Wortes könnte folgende
sein: gye führen, leiten, mel Tonart, Singweise also die ,Leitsingweise'
(oder wie man mit einem populären deutschen,
aber keineswegs banalen Ausdrucke sagen könnte: Leithammel);
da§ Wort kommt heute in England, soweit ich
mich erkundigen konnte, nicht mehr vor, ebensowenig der
erste Theil des Wortes, nemlich ,gye‘; der zweite Theil nur
in Zusammensetzungen wie mel-odious, mel-ody. Bei der Benennung
scheint das Hauptgewicht darauf gelegt, dass die
Melodie hier gewöhnlich in einer Oberstimme liegt und dass
sich die anderen Stimmen nach derselben richten. Die Tragweite
dieser Führung der Melodie in der Oberstimme lässt
sich ermessen, wenn man bedenkt, dass darin der Kern aller
homophon-harmonischen Behandlung liegt. Singt Einer eine
Melodie und ein Zweiter begleitet ihn in Terzen oder Sexten
oder auch abwechselnd, vorübergehend mit einer Quint so liegt
m dieser Art das Ureiern ent aller harmonischen' Füllung
eines Melos vor. Dazu kommt noch die ausnahmslose Vorschrift
des dreitbeiligen Rhythmus und wir ahnen, woher der
M 7 ind streicht. Das Vorbild dieser harmonischen Füllung ist,
wie noch weiter auseinanderzusetzen sein wird, die naturalistische
Volksharmonie.
Bei dem zweistimmigen Gymel werden in der weiteren
Auseinandersetzung des Cap. X, 11 neben Quint, hoher und
tiefer Terz, neben Sext und Octav auch die tiefe Decim und die
tiefe Octav angewendet. Cap. X, 12 setzt eine Verquickung
Sitzongsber. d. pMl.-hist. CI. XCVIII. Ba. III. Hfl 52