Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 98. Band, (Jahrgang 1881)

Studie  zur  Geschichte  der  Harmonie.

813

Gesang  scheint  der  Keim,  die  Urform  aller  sogenannten
harmonischen  Gesänge  zu  sein;  seiner  musikalischen
Stellung  nach  steht  er  in  dieser  Form  hinter  dem  Fauxbourdon.
Er  hat  sich  aber  neben  und  mit  demselben  entwickelt  und
wenn  auch  bisher  sein  Name  oder  ein  demselben  adaequater
Name  in  anderen  Ländern  als  in  England  sich  nicht  vorfindet,
so  kann  man  doch  mit  Sicherheit  sagen,  dass  dieser  Gesang
auch  in  den  übrigen  Ländern  gepflegt  wurde  und  dass  die
Engländer  infolge  ihres  Conservativismus  diesen  Namen  noch
beibehielten,  als  sich  das  Wesen  des  Gesanges  schon  mit  dem
Fauxbourdon  verflochten  hatte.  Uebrigens  könnte  man  auch
sagen,  dass,  was  der  Name  Fauxbourdon  für  die  romanischen
Völker  sei,  der  Name  Gymel  für  die  englische  Nation  bedeute.
Die  etymologische  Erklärung  des  Wortes  könnte  folgende
sein:  gye  führen,  leiten,  mel  Tonart,  Singweise  also  die  ,Leitsingweise'
  (oder  wie  man  mit  einem  populären  deutschen,
aber  keineswegs  banalen  Ausdrucke  sagen  könnte:  Leithammel); ­
  da§  Wort  kommt  heute  in  England,  soweit  ich
mich  erkundigen  konnte,  nicht  mehr  vor,  ebensowenig  der
erste  Theil  des  Wortes,  nemlich  ,gye‘;  der  zweite  Theil  nur
in  Zusammensetzungen  wie  mel-odious,  mel-ody.  Bei  der  Benennung ­
  scheint  das  Hauptgewicht  darauf  gelegt,  dass  die
Melodie  hier  gewöhnlich  in  einer  Oberstimme  liegt  und  dass
sich  die  anderen  Stimmen  nach  derselben  richten.  Die  Tragweite ­
  dieser  Führung  der  Melodie  in  der  Oberstimme  lässt
sich  ermessen,  wenn  man  bedenkt,  dass  darin  der  Kern  aller
homophon-harmonischen  Behandlung  liegt.  Singt  Einer  eine
Melodie  und  ein  Zweiter  begleitet  ihn  in  Terzen  oder  Sexten
oder  auch  abwechselnd,  vorübergehend  mit  einer  Quint  so  liegt
m  dieser  Art  das  Ureiern  ent  aller  harmonischen'  Füllung
eines  Melos  vor.  Dazu  kommt  noch  die  ausnahmslose  Vorschrift ­
  des  dreitbeiligen  Rhythmus  und  wir  ahnen,  woher  der
M 7 ind  streicht.  Das  Vorbild  dieser  harmonischen  Füllung  ist,
wie  noch  weiter  auseinanderzusetzen  sein  wird,  die  naturalistische ­
  Volksharmonie.
Bei  dem  zweistimmigen  Gymel  werden  in  der  weiteren
Auseinandersetzung  des  Cap.  X,  11  neben  Quint,  hoher  und
tiefer  Terz,  neben  Sext  und  Octav  auch  die  tiefe  Decim  und  die
tiefe  Octav  angewendet.  Cap.  X,  12  setzt  eine  Verquickung
Sitzongsber.  d.  pMl.-hist.  CI.  XCVIII.  Ba.  III.  Hfl  52
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.