Studien zur Geschichte der Harmonie.
785
Der Fauxbourdon.
1. Uebersicht über die bisherigen Resultate der Forschung.
Keine Materie der an dunklen Stellen auch sonst überreichen
Musikgeschichte ist so unaufgeklärt, ist eine solche
wissenschaftliche Sphinx wie der Fauxbourdon. Die verschiedensten
Arten mehrstimmiger Musik wurden mit diesem Ausdrucke
bezeichnet und man fand bisher nicht den Schlüssel
zur Zusammenfassung dieser verschiedenen Arten unter einen
einheitlichen Gesichtspunkt. Dazu kommen noch die willkürlichen
etymologischen Erklärungen eines Doni und Praetorius.
Ambros bricht die Besprechung dieses Gesanges plötzlich ab,
ohne eine genügende Aufklärung gegeben zu haben und viele
andere Gelehrte schliessen sich dieser Behandlung an.
Eine knappe Uebersicht über alles das, was bisher unter
diesem Namen bei den mittelalterlichen Schriftstellern gefunden
worden ist, diene zur Orientirung.
Vorerst bedeutet das Wort einen zweistimmigen Gesang,
in welchem die beiden Stimmen im Anfänge am Ende und
bei den Halbschlüssen in Octaven Zusammenkommen, sonst
in Sexten singen; ferner auch einen dreistimmigen Gesang, in
welchem die äusseren Stimmen, ebenso wie bei dem erwähnten
Gesänge, im Anfänge am Ende und bei den Halbschlüssen
Octaven bilden, während die mittlere die Quint zur unteren
Stimme bildet, im sonstigen Verlaufe des Gesanges die äussere
Stimme Sexten, die mittlere Stimme Terzen zur unteren Stimme
bilden, also alle drei Stimmen, wie man sich auszudrücken
pflegt, in ,Sextaccorden‘ fortschreiten. Ab und zu treten einige
Ligaturen, recte Synkopen, und zwar besonders bei den Schlüssen
auf. Diese beiden Arten werden von Tinetoris und Gafurius
erwähnt, nur mit dem Unterschiede, dass dieselben die mittlere
Stimme als in Quarten mit der oberen Stimme gehend bezeichnen;
diese Bezeichnung ist essentiell gleichbedeutend mit der obigen,
jedoch vom theoretisch-kritischen Standpunkte nicht ebenso
gleichgiltig. Die genannten Schriftsteller galten neben Adam
v on Fulda bisher als die der Zeit nach zuerst von dem Faux-