Adler. Studie zur Geschichte der Harmonie.
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Studie zur Geschichte der Harmonie.
Von
Guido Adler,
Dr. der Philosophie und der Rechte.
Privatdocent für Musikwissenschaft an der Universität Wien.
(Mit 16 Blätter Noten-Beilagen.)
Einleitung.
ln Bezug auf die Anzahl der Stimmen zerfällt die Musik
in ein-und mehrstimmige. Das Kriterium der einstimmigen
Musik liegt nicht darin, ob ein Melos von einer oder hunderten
von Stimmen gesungen und gespielt wird, sondern darin, dass
keine andere Stimme neben der Hauptmelodie in verschiedenen
Intervallen einhergehe. Bei dem Auftreten einer zweiten Stimme
ist ein Zweifaches möglich: die zweite Stimme tritt entweder
als harmonische Füllstimme zur Principalstimme oder sie
tritt der Hauptstimme entgegen, indem sie auf selbstständige
Führung Anspruch erhebt und als sogenannte contrapunktirende
Stimme ihr eigenes Melos der ersten Stimme beisetzt.
Dort findet eine Subordination, hier eine Coordination der
zweiten Stimme im Verhältniss zur ersten Stimme statt. Auf
diesem Hauptunterschiede in der Behandlung der Mehrstimmigkeit
beruht die Unterscheidung der musikalischen Theorie in
Harmonielehre und Contrapunkt.
An einem kleinen Beispiele kann dieser Gegensatz klar
gezeigt werden. Die erste Stimme sänge e 1 d, c,; im ersten
Falle träte die harmonische Füllstimme also dazu: , 1 ' 1 f|
l 11 H g e
im zweiten Falle könnte die contrapunktirende Stimme also
( JLi c de.
Der Unterschied in der Behandlung der beiden Stimmen
liegt nicht allein darin, dass im ersten Falle die zweite Stimme
Sitznngsber. d. phil.-hist. CI. XCVIII. Bd. III. Hft.
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