Zeit und Raum bei dem indogermanischen Volke.
511
waltenden Gottheit, 1 sondern erst eine abgeleitete Kraft vorliegt.
Ich denke überhaupt, dass unter dem politisch-religiösen,
durchaus unfreien Formelwesen, das wir als Religion der
Römer kennen, die grosse und tiefe Auffassung von dem Ursprunge
der Götter aus dem Raume oder der Unendlichkeit
ganz unrettbar verschüttet ist.
Umsomehr kommt uns hier wieder Hesiod zu Statten,
der ja überhaupt eine Fülle von wahrhaft historischen Beobachtungen
wie über das physische und ethische Leben der
hellenischen Zeitgenossen, so über ihre Anschauungen von
überirdischen Dingen hinterlassen hat. Dieser treue Wahrheitszeuge
dürfte uns, wie zum Theile bei der Frage nach Zeit
und Schicksal, so für die nach Raum und waltender Gottheit
aus hellenischer Ueberzeugung die der indischen und germanischen
entsprechende Auffassung vermittelt haben. Er nennt
Chaos das Ursprüngliche; das Wort dürfte wie Aditi den Raum
schlechthin bezqjchnen. 2 Als die Nächstentstandenen gibt er Erde
und Liebe an. Aus dem Chaos 3 selbst erheben sich Dunkel
1 Giambattista Vico meinte immerhin bemerkenswerter Weise: ,die heidnische
Grundvorstellung von der Gottheit als einer in Flammenwettern
sich offenbarenden irdischen Machtherrlichkeit ist überall dieselbe, Jupiter
unter verschiedenen Namen der gemeinsame höchste Gott der Heidenvölker.
1 (K. Werner, Vico als Philosoph [1879] 156.) Das Letztere war
wesentlich schon Celsus’ Meinung, gegen die sich Origenes lebhaft wendet,
der Zeus nur als gxijj.ovx uva gelten lassen will (Migne patrol. gr. XI,
1245 und 1253: Origenes contra Celsum V, 41 und 46).
2 Zu einer ähnlichen Auffassung über die Bedeutung des Wortes kommt
doch auch Stephanus’ Glossar (London 1825) p. 10359. Die dortige Erklärung
ist aber getrübt durch Herbeiziehung der ganz unzutreffenden
Scheinanalogie von Genesis, Kap. I, Vers 2, eines Zwischensatzes, der
wohl jetzt als Product der Esra’schen Redactionsthätigkeit gefasst werden
darf. — Uebrigens wird das Wort, wie ja wohl sprachlich unzweifelhaft
richtig ist, bei Curtius, Etymologie 196 mit ,Kluft‘ erklärt und die Erklärung
polemisch eingehend begründet.
*Htoi uev "cojt'.gtx Xxo; ysvst’, xutxp ette’.tx
rat’ EUpUGTEpVO;, TZOVTüJV EGO; XGCpXAE; Xtsf
”Eco;, o; xaXXiaro; sv aöxvxToTai Oeoiai
’Ez Xxeo; o’ ,f Ep=ßo; te piXxiva te Nu; iycVovto.
Nujcto; o’ xu-’ A-Ofjp te */.x: f Hpip7j E^EycVOVTO,
Ou; TEZS JCUGXpi'/JJ ’Epsßsi ?iXoT7jTl JA’.yctsX.
Theogonie 116—125.
Sitzungsber. d. phiL-kist. CL XCV1II. Bd. II. Hfl. 33