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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 98. Band, (Jahrgang 1881)

Zeit  und  Raum  bei  dem  indogermanischen  Volke.

499

doch  mit  vrüteti,  drehen,  und  nicht  vielmehr  mit  vreti, 1
schliessen,  zusammenzubringen  ist;  es  würde  sich  dann  noch
eher  zu  dem  indischen  Schicksalsworte  vidhi  stellen  lassen. 2
Noch  bemerke  ich,  dass  die  Vorstellung  des  Spinnens,
welche  mit  der  Schicksalsmacht  bei  mehreren  europäischen
Völkern  der  indogermanischen  Familie  eben  so  eng  verbunden, ­
  als  den  Ariern  fremd  zu  sein  scheint,  sich  bei  einigen
in  der  That  auf  ein  Gespinnst  von  Wolle,  wie  Isidorus  meint,
oder  aus  gewissen,  in  Hochasien  noch  heute  zu  Gespinnsten
verwendeten  Nesseln  beziehen  mag,  aber  doch  nicht  älter  als
die  Kenntniss  des  Flachses  bei  den  betreffenden  Völkern 3  zu
sein  braucht,  aus  welchem  der  Faden  nach  weislich 4  bei  den
griechischen  Mören  gesponnen  wird.
Immerhin  scheint  auch  bei  diesem  europäischen  Zweige
des  indogermanischen  Stammes  die  Vorstellung  des  Spinnens
erst  allmälig  bei  der  Gestaltung  des  Schicksals  hervorgetreten
zu  sein.
Bei  den  Griechen  erscheint  vielmehr  als  die  ursprüngliche,
nach  dem  Namen  mit  jenem  Vidhi,  nach  der  Stellung  mit  dem
Daiva  zunächst  vergleichbare  Versinnlichung  des  Schicksals
eine  ordnende  oder  zutheilende,  ausserhalb  des  Götterkreises
stehende,  das  ,Gesetz':  Themis. 5  Als  solche  kennen  und
preisen  sie  noch  die  grössten  Dichter  des  fünften  Jahrhunderts.
Aeschylus  erklärt  sie  einerseits  mit  der  Erde  identisch
und  unter  vielen  Namen  eine  Vorstellung  bergend 6  —  wie
etwa  jenes  indische  Daiva  ein  ausserhalb  des  Götterkreises

1  Vgl.  oben  S.  499,  Anm.  2.
2  vresti  binden  (Präs.  Indieativ  vrüza)  würde  auf  ,Bindung 1  führen  und
an  sich  aufs  beste  passen;  doch  muss  man  wohl  darauf  verzichten.
G.  Curtius,  griechische  Etymologie  S.  181,  stellt  das  Wort  zu  gothisch
vrika  verfolge,  vruggö  Schlinge,  gr.  fapy  (apyvüu. 1 .)  schliesse  ein.
3  Hehn  146  flgde,  156,  161  flgde,  509—511.
4  Vgl.  unten  S.  504,  Anm.  6.
5  Curtius  a.  a.  O.  254  erklärt  das  Wort  eben  mit:  Gesetz  und  stellt  dazu
akt.  dhäma,  das  unter  Anderem  auch  Gesetz  heisst,  und  Zeno  dätam
Satzung,  Gesetz.
•  xai  rata,  tcoXXüW  ovojxaTtov  {xop^rj  [Ha.  Aeschyl.  Prometheus  292.
Dieses  wie  die  Mehrzahl  der  für  Themis,  Horen  und  Mören  gebrachten
Citate  entnehme  ich  Preller,  griech.  Mythologie  I,  272  .flgde,  wo  man
nur  einige  Werthunterscheidung  der  Stellen  vermisst.
            
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