362
B ü d i n g o r.
Verfasst etwa in Justin’sl. Zeit oder in Justinian’s Regierungsanfängcn,
unter Regenten mit inasslosen und gleichsam göttlichen
Herrschaftsansprüchen, vielleicht während der uns noch heute
belehrenden Gesetzgebungsarbeiten, dazu unter dem Drange der
alle Gemütlier erregenden dogmatischen Kämpfe, sind die unter
dem Namen des Areopagiten Dionysius geschriebenen Bücher, 1
namentlich das über die himmlische Hierarchie, 2 eine Fundgrube
kühner, scharf polemischer und immer begeisterungsvoller
Schilderungen, besonders überirdischer Dinge. Auf Karl’s
des Kahlen Befehl etwa im Jahre 859 von Johannes Scotus
Erigena in das Lateinische übersetzt, sind sie im zwölften
Jahrhundert ein Gegenstand eifrigen Studiums gewesen. 3 Gerhoh
hat sie, wie früher bemerkt ward, auch bewundert. 1 Von Hugo
von S. Victor sind ,zehn Bücher zur Erklärung der himmlischen
Hierarchie' erhalten, welche Collegienhefte darzustellen
scheinen, da in denselben wiederholt von dem Verfasser als
,unsrem Hugo' die Rede ist. 5
Den Autor nun führt Otto im dreissigsten Capitel ein
und bezieht sich auch später noch einige Male auf den-1
Im Jahre 532 waren die Werke vorhanden, welche doch erst nach 513
entstanden sein können, durchaus von der Absicht der Verschmelzung
des Neuplatonismus mit dem Christeuthume eingegeben und wahrscheinlich
in Antiochia verfasst sind. Vgl. Ersch und Gruber, Encycl. XXV, 351.
2 Kcp\ xf]5 oupavta; Upapylaq. Vgl. a. a. O. 349 flgde.
3 Wie es kommt, dass Migne, dessen Abdruck (patrologia latina, CXXII,
1023 sqq.) ich benutze, nur drei Handschriften vergleichen liess, vermag
ich nicht zu sagen. Von den betreffenden beiden Wienern stammt nr. 971,
elften Jahrhunderts, aus Salzburg, und kommt, wie sich sofort gezeigt
hat, für diese Untersuchung ausser Frage; nr. 754, zwölften Jahrhunderts,
war früher Eigenthum des im Jahre 1460 gegründeten Chorherrenstiftes
zu Wiener-Neustadt, wie Herr Custos J. Haupt gefälligst festzustellen
vermochte. Eben diese muss gleichzeitiger Randbemerkungen halber noch
auf ihr Verhältnis zu Otto untersucht werden. Dasselbe gilt von der
Münchner Handschrift, die ich nicht gesehen habe: elften Jahrhunderts,
cod. Ratisbonensis S. Emmerammi nr. 137.
4 Vgl. oben S. 346, Anm. 5.
5 Ich benutzte nicht den Migue’schen Abdruck von Hugo’s Schriften, sondern
wie oben S. 341, Anm. 1 bemerkt, die dreibändige Ausgabe von
Rouen 1648, in deren erstem Bande die hier in Betracht kommenden
libri decem in explanationem coelesti hierarchiae abgedruckt sind.