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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 98. Band, (Jahrgang 1881)

Der  Averruismus  in  der  christlich-peripatetischen  Psychologie.

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passivus  heisst,  Forma  informans  sein  soll,  so  ist  und  bleibt
der  Mensch  in  die  Reihe  der  blossen  Sinnenwesen  gewiesen,
da,  wie  oben  schon  hervorgehoben  wurde,  die  Cogitatio  über
den  Bereich  des  blos  Sensiblen  nicht  hinausreicht.  Der  Intellect
  steht  in  einem  blos  accidenteilen  Verhältniss  zum  menschlichen ­
  Individuum,  der  Mensch  wäre  sonach  nur  accidenteller
Weise  ein  intellectives  Wesen.
Was  ist  nun  aber  die  eigentliche  Meinung  des  Averroes?
Niphus  verzweifelt  daran,  sie  entdecken  zu  können;  den  Aeusserungen
  des  Averroes  über  die  intellective  Seele  lasse  sich,  wie
man  sie  immer  fassen  möge,  kein  Gedanke  abgewinnen,  welcher
nicht  irgendwie  einen  Widerspruch  in  sich  schlösse  oder  auf
eine  philosophische  Unmöglichkeit  hinführte.  Seine  Behauptung
einer  numerischen  Identität  aller  menschlichen  Intellecte  hat
gewisse  Anhaltspunkte  in  der  aristotelischen  Doctrin, 1  obwohl
sie  von  Aristoteles  nirgends  förmlich  aufgestellt  wurde.  Auffallend ­
  ist  aber  immerhin,  dass  auch  griechische  Ausleger,  ein
Theophrast,  Themistius  und  Simplicius  den  Aristoteles  in  diesem
Sinne  verstanden;  und  es  ist  keineswegs  so  leicht,  das  Gegentheil
  der  averroistischen  Lehre  de  unitate  intellectus  mit  zwingenden ­
  Gründen  zu  erweisen.  Dem  Gregor  von  Rimini, 2  einem
nach  dem  Urtheile  des  Niphus  sehr  scharfsinnigen  Manne,  ist
es  nicht  gelungen.  Nach  Gregor  müsste,  wenn  es  nur  Einen
Menschenintellect  gäbe,  auch  die  Intellection  eines  bestimmten
Objectes  in  allen  Menschen  numerisch  eine  und  dieselbe  sein,
und  würde  eine  numerische  Vielheit  nur  in  Bezug  auf  die  individuellen ­
  Phantasmen  statthaben,  welche  in  den  Bereich  der  Intellection ­
  hinaufgehoben  werden  sollen.  Daraus  würde  nun  folgen,
dass,  wenn  irgend  ein  Mensch,  z.  B.  Sokrates,  einen  Stein  intellectiv
  begriffen  hätte,  kein  anderer  Mensch  die  Intellection
dieses  Steines  haben  könnte,  so  lange  dieselbe  im  Denken  des
Sokrates  fortdaüert.  Sollte  er  sie  dennoch  haben  können,  so
wäre  dies  nur  in  zweifacher  Weise  denkbar:  entweder  dadurch,

1  Averroes  hanc  rem  per  conjecturam  aceepit  ex  quibusdam  verbis  Aristotelis
  12  Metaph.,  tibi  asseruit  in  bis,  quae  a  materia  non  dependent,  non
esse  nisi  unum  numero  in  sua  speeie;  quia  vero  patet  apud  Aristotelem
intellectum  a  materia  non  dependere,  hiuc  Averroes  conjecturabiliter
credidit  unitatem  intellectus.  0.  c.,  p.  638.
2  Vgl.  Gregor.  Arim.  Comm.  in  Sentt.  II,  qq.  16  et  17.
            
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