284
Werner.
Denkprobleme nicht ausreicht, und in Folge dessen auch die
thomistische Anthropologie an gewissen Mängeln leidet, über
welche indess innerhalb des Bereiches der peripatetischen
Grundanschauungen nicht hinauszukommen war, daher die von
scholastisch-peripatetiseher Seite her erfolgende Reaction gegen
die thomistische Anthropologie weit mehr einer Abirrung von
der durch Thomas richtig angegebenen allgemeinen Grundrichtung
in Fassung des anthropologischen Problems, als einer
Verbesserung dieser Fassung gleichkam. So verhält es sich mit
der scotistischen, so mit der von den christlichen Averroisten
versuchten Kritik der thomistischen Anthropologie; mit der
averroistischen Kritik berührt sich, allerdings nur von einer
gewissen Seite her, die Günther’sche, sofern bei dieser das an
sich berechtigte Dringen auf Anerkennung des Selbstlebens
der sinnlichen Naturseite des Menschenwesens zu einem unvermittelten,
oder doch nicht genügend vermittelten Dualismus
zwischen ,Geist“ und ,Natur“ hindrängt; selbst die von Günther
der menschlichen ,Physis“ zugesprochene relative Denkfähigkeit
lässt eine Vergleichung mit der von Averroes dem sinnlichen
Menschenindividuum zugeschriebenen Cogitativa zu. Daneben
ist nun allerdings nicht der durchgreifende Unterschied zu übersehen,
welcher Günthers Anthropologie von der averroistischen
dadurch scheidet, dass der geschöpfliche Menschengeist als eine
von der göttlichen Wesenheit qualitativ verschiedene Wesenheit,
als concretes persönliches Sein und als selbstiges Princip
der menschlichen Persönlichkeit erfasst wird, dass ferner mit
so entschiedenem Nachdruck auf das über den im Naturleben
sich darstellenden Gegensatz vom Allgemeinen und Besonderen
hinausliegende Wesen des Geistes als concreter Selbstigkeit
hingewiesen, und dass endlich der Mensch, der in der averroistischen
Anschauung zufolge der förmlichen Negirung seiner
Wesenseinheit nicht einmal den Charakter eines Bindegliedes
zwischen geistiger und sinnlicher Welt mehr in Wahrheit behaupten
kann, als Schluss- und Bindeglied der Gesammtschöpfung
mit Entschiedenheit in den Mittelpunkt der philosophischen
Weltbetrachtung gerückt wird. Eben diese centrale
Stellung des Menschen im Weltganzen hätte aber Günther
darauf hinlenken sollen, den specifischen Unterschied des intellectiven
Principes und Kernes der menschlichen Persönlichkeit