Der AverroismuB in der cliristlich-peripatetischen Psychologie.
275
bestreitet aber die Denknothwendigkeit seiner Ausdehnung auf
die subsistenten Formen, dergleichen das menschliche Intellectivprincip
sei. Wenn Albertus ferner bemerkt, dass die Principien
der particuliiren Dinge nach Aristoteles 1 selber auch particulär
seien, und dies auch vom Intellecte als Formalprincip des Einzelmenschen
gelten müsse, so hat Jandunus die Auskunft in Bereitschaft,
dass Aristoteles an dem von Albertus gemeinten Orte
blos beziehungsweise, nämlich im Gegensätze zu Plato spreche,
der die Quidditäten der singulären Dinge für subsistente unsinnliche
Wesenheiten nahm; dem gegenüber betone Aristoteles,
dass die Principien particulärer Dinge in diesen Dingen selber
enthalten seien, woraus jedoch nicht folge, dass sie selbst particulär
sein müssten, was jedenfalls nicht bei dem an die Grenzscheide
zwischen materiellen und immateriellen Existenzen gestellten
Menschen angehe. Nach Albertus verstösst es gegen die
Logik, dass beim Menschen, der seinem Begriffe nach Animal
rationale ist, wohl die generische Bestimmtheit Animal, nicht
aber die Differentia ultima der Individuirung unterzogen sein
sollte; es würde daraus folgen, dass die Species zusammengesetzt
wäre aus einem Individuatüm secundum esse und aus
einem Non individuatum. Jandunus erwidert, dass eine derartige
logische Inconvenienz nur dann vorhanden wäre, wenn
eine an der Materie haftende Wesensform der individuirenden
Bestimmtheit entrückt gedacht werden wollte.
Eine Hanptinstanz der christlichen Bestreiter des Averroes
ist diese, dass die Anschauung vom Einen Menschenintellecte
die Einheit des Menschenwesens aufhebe. Jandunus
hält diesen Vorwurf für ungerecht; mit vollem Grunde könne
Averroes behaupten, dass aus seinem Menschenintellecte, dessen
Existenz durch jene der sinnlichen Menschenindividualitäten bedingt
ist, und diesen sinnlichen Individualexistenzen eine wahrhaftere
Einheit sich ergebe, als aus der von seinen christlichen
Gegnern gelehrten Verbindung der in sich selber subsistirenden
Anima intellectiva mit einem corruptiblen Körper. Nach christlicher
Anschauung kann die intellective tseele des Einzelmenschen
nach dem Leibestode fortbestehen, und würde ewig in leibloser
Existenz fortbestehen, wenn nicht durch das Wunder der Wieder-1
Siehe Aristot. Metaph. VI, p. 1035 b, lin. 5 ff., 28 ft.
18*