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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 98. Band, (Jahrgang 1881)

264  Werner.
doch  die  Passiones  als  sündhafte  Leidenschaften  wesentlich
verkehrte  Habitualitäten  des  sittlichen  Willens  sein  müssen. 1
Eine  Consequenz  der  Unilication  der  moralischen  Tugenden
durch  Reduction  derselben  auf  den  Willen  als  einzigen  Träger
derselben  ist,  dass  sie  sämmtlich  unter  die  Grundtugend  der
Gerechtigkeit  als  gemeinsames  Geuus  derselben  subsumirt
werden, 2  wofür  sich  Baconthorp  auf  den  Vorgang  zweier
Commentatoren  der  aristotelischen  Ethik,  des  oben  erwähnten
Eustratius 3  und  Michael  Scotus,  beruft. 4  Man  wird  nicht  verkennen, ­
  dass  die  von  Baconthorp  behauptete  Subjectirung
sämmtlicher  moralischer  Tugenden  im  Willen  mit  seiner  Abscheidung ­
  der  Wesensform  des  menschlichen  Körpers  von  der
intellectiven  Wesensform  des  Gesammtmenschen  zusammenhängt ­
  ;  auch  Duns  Scotus,  der  an  dem  Unterschiede  beider
festhält,  macht  den  Willen  zum  Träger  sämmtlicher  moralischer
Tugenden,  während  das  Festhalten  des  Aureolus  an  einem
doppelten  Träger  derselben,  dem  Willen  und  dem  Appetitus
sensitivus,  eine  auf  das  Gebiet  der  Ethik  sich  erstreckende
Consequenz  seines  Bemühens,  die  intellective  Seele  als  einzige
und  ausschliessliche  Wesensform  des  Menschen  zu  erhärten,
darstellt.
Auch  in  Bezug  auf  das  Verhältniss  der  Prudenz  zu  den
moralischen  Tugenden  ist  die  Abweichung  Baconthorps  von
Aureolus  namhaft  zu  machen.  Er  scheidet  die  Prudenz  von
den  moralischen  Tugenden  viel  bestimmter  ab  als  Aureolus,
und  weist  ihr  im  Verhältniss  zu  denselben  eine  Stellung  zu,
welche  dem  oben  entwickelten  allgemeinen  Verhältniss  von
Intellect  und  Wille  zur  sittlichen  Praxis  entspricht.  Von  der
Erwägung  ausgehend,  dass  nur  die  vernünftige  Handlung  eine
1  Dices:  ,Tu  ponis  passiones  in  voluntate,  quod  nullns  posuit. 1  Dico  quod
ponendae  sunt,  et  hoc,  vocando  passiones  vitia  et  opposita  virtutum.  Non
enim  potest  dari  ratio,  quare  in  voluntate  non  possint  generari  ita  bene
intemperantia  et  alia  opposita  virtutum,  sicut  injustitia  vel  inimicitia
respectu  amici.  Ibid.
2  Die  Gerechtigkeit  fällt  da  mit  dem  Jus  naturale  zusammen,  von  welchem
Baconthorp  sagt:  Jus  naturale  est  illud,  quod  in  lege  et  in  Evangelio
continetur,  in  quod  Christus  decem  praecepta  reduxit.  4  dist.  1,  qu.  6,
art.  1.
3  Siehe  oben  S.  188,  Anm.  1.
4  3  dist.  33,  qu.  3,  art.  1,  §.3.
            
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