Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 98. Band, (Jahrgang 1881)

258

Werner.

das  Erkennen  derselben  ein  durchwegs  receptives;  da  ferner  für
das  irdische  Zeitleben  das  eigentliche  Object  ihrer  Erkenntniss
nur  Gott  ist,  dieser  aber  im  Leben  der  Zeit  auf  natürlichem
Wege  nur  unvollkommen  erkannt  werden  kann,  und  auch  die
übernatürliche  Offenbarung  kein  Schauen  der  göttlichen  Dinge  an
sich  vermittelt,  so  erklärt  sich,  dass  Bacanthorp  die  Theologie,
welche  die  höchsten  geistigen  Aufschlüsse  für  den  Zeitmenschen
in  sich  fasst, 1  als  eine  vorzugsweise  praktische  Wissenschaft
ansieht, 2  womit  wir  auf  das  schon  oben  berührte  Ineinandersein ­
  von  Intellect  und  Wille  zurückkommen.
Wir  haben  in  Baconthorp’s  Lehre  über  den  Willen  von
seinen  Sätzen  über  den  Habitus  practicus  auszugehen,  welcher
nach  Baconthorp  wesentlich  ein  Habitus  des  Intellectes,  und
nicht,  wie  Duns  Scotus  wolle,  ein  Habitus  des  Willens  ist. 3
Er  hat  mit  dem  Habitus  speculativus  die  Beziehung  auf  das
Scibile  gemein,  nur  dass  er  nicht  gleich  dem  Habitus  speculativus ­
  auf  das  Scibile  als  solches,  sondern  auf  das  Scibile
als  Operabile  gerichtet  ist.  Der  Habitus  practicus  ist  wesentlich ­
  ein  Habitus  ratiocinativus;  das  ihm  specifisch  Eigene  ist,
dass  er  auf  der  Agere  oder  Facere  sich  bezieht.  Da  er  eben
nur  Habitus  ratiocinativus  ist,  so  sind  weder  gewisse  Dictamina
  des  Intellectes,  die  auf  ihn  Einfluss  nehmen,  noch  die
mit  seiner  Bethätigung  zusammenhängenden  oder  derselben
nachfolgenden  Willensfunctionen  zum  eigentlichen  Wiesen  desselben ­
  zu  rechnen. 4  Dass  die  Willensthätigkeit-  nicht  zum

1  Die  Philosophie  kann  sich  auf  diesem  Standpunkte,  der  das  passiv  intuitive ­
  Erkennen  der  Wesenheiten  als  höchstes  erkennt,  nur  dann  als
einen  von  der  Theologie  verschiedenen  Wissenshabitus  begründen,  wenn
dem  Erkennen  Gottes  aus  den  Dingen,  welches  bei  Baconthorp  die  höchste
natürliche  Function  des  zeitlichen  Menschenintellectes  ist,  ein  Schauen
der  Dinge  in  Gott  substituirt  wird,  wie  bei  Malebranche  der  Fall  ist.
Damit  ist  aber  der  von  Baconthorp  noch  festgehaltene  peripatetische
Standpunkt  in  einen  antiperipatetischen  Denkhabitus  umgebildet,  welcher
der  Theologie  keine  speculativen  Functionen  mehr  übrig  lässt.
2  Prolog.,  qu.  4,  art.  5,  §.  3.
3  Dupliciter  voluntas  facit  ad  praxim:  uno  modo  antecedenter  et  dispositive
....  alio  modo  consequenter  et  executive  ....  Neuter  pertinet  ad  quiditatem
  praxis.  Prolog.,  qu.  4,  art.  2,  §.  2.
4  Actualis  dictatio  intellectus  et  electio  voluntatis  aut  Imperium  non  pertinent ­
  ad  quiditatem  habitus  practici,  sed  solum  consequuntur.  Certum
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.