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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 98. Band, (Jahrgang 1881)

Der  AverroismuB  in  der  christlich-peripatBtischen  Psychologie.  257
liehen  Theologen,  welche  zwischen  einem  doppelten  Angesichte
der  Seele  unterscheiden,  deren  eines  Gott  zugewendet  im  Lichte
des  ewigen  Wortes  schaut,  während  das  andere  Angesicht  unmittelbar ­
  den  Creaturen  zugewendet  ist,  ein  Doppelerkennen,
das  auch  in  der  jenseitigen  Wirklichkeit  bleibt. 1  Das  Einzige,
worin  Baconthorp  von  Averroes  entschieden  abgeht,  ist  das
Festhalten  am  Vorhandensein  eines  intellectiven  Gedächtnisses
der  Menschenseele,  welches  Averroes  läugne,  und  deshalb  der
vom  Leibe  geschiedenen  Seele  die  Möglichkeit  einer  Apperception
  der  Sinnendinge  abspreche. 2  Als  den  Halter  des  intellectiven ­
  Gedächtnisses  bezeichnet  Baconthorp  den  Intellectus
agens,  dessen  Action  sich  nicht  darauf  beschränke,  die  appercipirten
  Dinge  aus  dem  Bereiche  der  sinnlichen  Vorstellung
in  das  Esse  actu  intelligibile  zu  erheben,  sondern  die  Species
rerum  intelligibilium  auch  im  Sein  zu  erhalten  habe,  der
Sonne  vergleichbar,  welche  sich  nicht  darauf  beschränkt,  ihr
Licht  auf  die  sinnlichen  Objecte  zu  werfen,  sondern  durch
die  dauernde  Immanenz  des  Lichtes  im  Diaphanum  die  Dinge
sichtbar  erhält. 3  Daraus  sucht  nun  Baconthorp  zugleich
zu  erklären,  weshalb  der  Seele  auch  im  jenseitigen  seeligen
Sein  ein  Intellectus  agens  eignen  müsse,  der  sonst  im  Anschauen ­
  Gottes  und  der  himmlischen  Wesenheiten  als  überflüssig ­
  hinwegzufallen  scheinen  möchte.  Da  mit  dem  Intellectus ­
  agens  der  Seele  das  den  sichtbaren  Dingen  zugewendete
Antlitz  erhalten  bleibt,  während  sie  zugleich  in  das  Schauen
der  himmlischen  Intelligenzen  eintritt,  das  ihr  im  irdischen
Zeitleben  versagt  bleibt,  so  kann  nach  Baconthorp  auch  von
einer  Dreiheit  oder  Mehrheit  der  Angesichter  der  zur  Anschauung ­
  Gottes  gelangten  Seele,  etwa  nach  Art  der  Cherubsgesichter, ­
  gesprochen  werden.  Ungeachtet  dieser  Häufung  von
Licht-  und  Erkenntnissfülle  in  der  beseligten  Seele  bleibt  doch

1  Imaginabatur  Commentator,  quod  intellectus  noster  tarn  agens  quam
possibilis  liabet,  quodammodo  superiorem  facicm  vel  aspectum,  qua  convertit
  se  ad  intelligendum  se  et  substantias  separatas,  et  inferiorem,  qua
convertit  se  ad  pbantasmata,  agens  videlicet  illuminando  et  possibilis  in
intelligendo.  Ibid.
2  Näheres  über  die  Memoria  intellectiva  der  Anima  separata:  Quodlibet.  I,
qu.  4,  art.  1,  §.  2.
3  Prolog.,  qu.  2,  art.  1.
Sitzungaber.  d.  pkil.-hist.  CI.  XCV1II.  Bd.  I.  Hft.

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