Der Averroiamus in der christlich-peripatetischeu Psychologie.
235
boten, gefolgert. Averroes lehre nämlich, es gebe einen Intellectus
materialis, der seine ganze Species erschöpfe; damit combinirt
Wilton den Gedanken, dass die Natura speciei humanae
etwas allen Individuen der Menschengattung Gemeinsames bezeichne,
und somit mit dem Intellectus materialis des Averroes
sich decke. Derselbe könne als Wesensform des Menschen
bezeichnet werden, da die Forma substantialis primär auf die
Perfection der in allen Individuen dieselbigen specifischen Natur,
und erst secuudär auf die Perfection der Individuen gerichtet
sei, und daher auch nicht der Vielheitskategorie des individuellen
Seins unterzogen werde. In diesem Sinne bezeichne
Averroes den Intellectus materialis ausdrücklich als Perfectio
prima hominis, und als Dasjenige, was den Menschen vom
Thiere unterscheide. Bacontliorp lehnt diese Apologie des averroistischen
Seelenbegriffes als verfehlt ab, schon deshalb, weil die
Wesensform nicht, wie Wilton behauptet, die Natura speciei,
sondern laut Aristoteles 1 das Individuum zum Perfectibile
primurn hat, und erst in zweiter Linie per accidens auch die
im Individuum repräsentirte Species auszuwirken bestrebt ist.
Nach Averroes ist die erste Verbindung, welche der Intellect
mit dem belebten Menschengebilde eingeht, jene mit den Phantasmen
des Menschen; diese aber gehören dem individuellen
Menschensein an, so dass nach Averroes selber der Intellect
nicht die Species, sondern das Individuum zum Priinum perfectibile
hat. Averroes will den Intellect unter Anderem auch deshalb
nicht als Wesensform der Individuen gelten lassen, weil
nach seiner Annahme die Substanzialform der Individuen nur
ein Körper oder eine körperliche Kraft sein kann; dieser Grund
lässt es aber auch als unthunlich erscheinen, den Intellect als
Wesensform der Natura speciei humanae anzusehen, weil in
den Begriff derselben die Materie gleichfalls als integrirendes
Moment aufgenommen ist. Sollte die intellective Seele darum
nicht in einer Mehrheit vorhanden sein können, weil sie primär
Perfeetiva speciei ist, so müsste dasselbe auch von der Seele
einer jeden Thierspecies gelten. 2
• Vgl. Aristot. Metaph. VI, p. 1033 b, lin. 12 ff.
2 Anima, ut constituit naturain speciei tanquam primum perfectibile, est
numerata in Omnibus individuis; per hoc enim, quod secundum aliquos