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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 98. Band, (Jahrgang 1881)

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\V  er  ner.

sonst  aber  gelten  sie  ihm  als  Partes  potentiales  der  genannten
Cardinaltugend.  Aureolus  1  bemerkt  dawider,  dass  die  Cardinaltugend
  der  Fortitudo  nicht  blos  die  Todesgefahr,  sondern  jegliches ­
  Furchtbare  zu  ihrem  Objecte  habe,  und  die  Todesverachtung ­
  als  Particulartugend  unter  die  allgemeine  Tugend
der  Fortitudo  falle.  Aureolus  gewinnt  das  Mannigfaltige  der
unter  dieselbe  fallenden  Tugenden  durch  Bezugnahme  auf  die
vom  Bonum  rationis  abschreckenden  Affecte:  Timor,  Desperatio,
  Tristitia.  Der  erste  der  genannten  Affecte  wird  überwunden
durch  die  Securitas;  die  Passio  desperationis  durch  die  Tugenden ­
  der  Magnanimitas  (respectu  boni  ardui)  und  Coniidentia
(respeetu  boni  non  ardui);  auf  die  starkmüthige  Repression
der  Tristitia  beziehen  sich  verschiedene  besondere  Tugenden,
je  nach  Massgabe  der  besonderen  Ursachen  der  Tristitia:  Aequanimitas
  (bei  Unglücksfällen),  Constantia  (äusseres  Standhalten
gegen  gewaltthätige  Affecte),  Patientia  (innerliche  Fassung  bei
Beleidigungen),  Magnificentia  (hochherziges  Verhalten  bei  bedeutender ­
  Schmälerung  des  zeitlichen  Besitzes),  Longanimitas
(geduldiges  Zuwarten),  Strenuitas  (Unverdrossenheit  bei  unerquicklicher ­
  Arbeitsmühe),  Perseverantia.
Als  Partes  integrales  der  Cardinaltugend  der  Temperantia
bezeichnet  Thomas 2 )  die  Verecundia  und  Ilonestas;  subjective
Tlieile  derselben  sind  ihm  Abstinentia  und  Sobrietas,  Castitas
und  Pudicitia;  als  Partes  potentiales  bezeichnet  er  mit  Beziehung ­
  auf  die  inneren  Bewegungen  der  Seele  Continentia,
ITumilitas,  Mansuetudo  oder  Clementia,  mit  Bezug  auf  die  äussere
Selbstdarstellung  des  Menschen  die  Modestia,  bezüglich  des  Begehrens ­
  nach  äusseren  Dingen  Parcitas  und  Moderatio,  wie  Macrobius
  diese  beiden  Tugenden  nennt,  oder  Per  se  sufficientia  und
Simplicitas,  wie  sie  bei  Andronicus 3  heissen.  Aureolus  macht
hier  wieder  geltend,  dass  die  Temperantia  als  Cardinaltugend
eine  weitumfassende  Tugend  sein  müsse,  welche  alle  auf  sie  bezüglichen ­
  Tugenden  als  wesentliche  Tlieile  (partes  subjectivas)
und  Species  specialissimas  zu  umschliessen  habe.  Er  vereiniget
1  3  disti  33,  qu.  2,  art.  3.
2  2,  2,  qu.  143,  art.  1.
3  Andronicus  (c.  a.  70  a.  Chr.),  der  bekannte  Ordner  der  aristotelischen
Schriften,  dessen  Paraphrasis  in  Etliic.  Aristot.  a.  1607  durch  Heinsius
zum  Druck  befördert  wurde.
            
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