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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 98. Band, (Jahrgang 1881)

Der  Averroismns  in  der  christlich-peripatetischen  Psychologie.

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finden  wir  eine  verkürzte  schematisirende  Wiedergabe  der
aristotelisch  -  thomistischen  Tugendlehre,  deren  Verhältniss  zu
ihrem  Vorbilde  wir  hier  in  Kürze  beleuchten  wollen.
Thomas  •  begründet  die  Vierzahl  der  Tugenden  aus  der
Vierzahl  der  Träger  der  sogenannten  moralischen  Tugend  im
Allgemeinen,  und  aus  dem  vierfachen  Gesichtspunkte,  unter
welchen  das  allgemeine  Wesen  jener  Tugend  sich  fassen  lässt.
Das  allgemeine  Wesen  oder  Principium  formale  derselben  ist
das  Bonum  rationis,  welches  unter  vier  Gesichtspunkte  fällt
als  Gegenstand  der  rationalen  Erwägung  (Prudentia),  der  werktätigen ­
  Uebung  (Justitia),  der  Erwirkung  desselben  durch
Bewältigung  entgegenstrebender  Neigungen  (Temperantia)  oder
vom  Bonum  rationis  abschreckender  Inclinationen  (Fortitudo).
Die  vier  Subjecte  jenes  allgemeinen  Wesens  der  menschlichen
Tugend  sind  Intellect,  Wille,  Concupiscibile  und  Irascibile.
Auch  Aureolus  setzt  das  allgemeine  Wesen  der  menschlichen
Tugend  in  das  Bonum  rationis, 2  und  fasst  die  vier  Cardinaltugenden
  als  subalterne  Genera  des  allgemeinen  Wesens  der
Tugend.  Er  weicht  aber  von  Thomas  darin  ab,  dass  er  Wille
und  Appetitus  sensitivus  als  gemeinsames  Subject  aller  vier
Tugenden  bezeichnet.  Diese  allgemeine  Abweichung  macht  sich
in  auffälliger  Weise  zunächst  in  Beziehung  auf  die  Auffassung
der  Prudentia  geltend,  deren  Subject  nach  Thomas  die  menschliche ­
  Denkkraft  ist.  3  Allerdings  anerkennt  auch  Aureolus  die
Prudenz  als  einen  intellectuellen  Habitus;  dieser  ist  aber  nach  ihm
nur  dann  vorhanden,  wenn  im  Begehrungsvermögen  alle  durch
die  Prudentia  zu  leitenden  Virtutes  morales  vorhanden  sind. 4
Nach  Thomas  ist  wohl  auch  die  Prudenz  als  moralische  Tugend
ohne  entsprechende  moralische  Willensdispositionen  nicht  denkbar; ­
  6  sie  ist  aber  nicht  blos  eine  moralische,  sondern  auch  eine
intellectuelle  Tugend,  und  gerade  durch  diesen  ihren  intellec-1

  2,  1,  qu.  61,  art.  3.
2  Ratio  virtutis  quiditativa  est  bomim  rationis,  puta  facere,  quod  decet  in
qualibet  materia.  3  dist.  33,  qu.  2,  art.  1.
3  Cognoscere  futura  ex  praesentibns  vel  praeteritis,  quod  pertinet  ad  prudentiam,
  proprie  rationis  est,  qnia  hoc  per  quamdam  collationem  agitur.
Unde  relinquitur,  quod  prudentia  sit  proprie  in  ratione.  2,  2,  qu.  47,  art.  1.
4  Siehe  oben  S.  220,  Anm.  1.
6  2,  2,  qu.  47,  art.  4.
            
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