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Werner.
fassenden ethischen Selbst des Menschen anzusehen haben.
Wenn die aus der antiken Philosophie ererbte traditionelle
Eintheilung der Tugenden alle besondere Arten von Tugenden
unter bestimmte Hauptformen subsumirte, in deren Vierzabl
die specifischen Grundbestimmtheiten des allgemeinen Habitus
des wahrhaft und vollkommen Tugendhaften auseinandertreten,
so ist der christliche Ethiker vor die Aufgabe gestellt, entweder
in dieser Vierzahl der Haupttugenden die absolut zureichende
Form und Fassung des gesammten Tugendlebens und
Tugendstrebens zu erweisen, oder wofern dies im Hinblick auf
die Incongruenz zwischen dem antiken und christlichen Sittlichkeitsbegriffe
als unzulässigerscheinen sollte, nach einer anderen,
dem verchristlichten Denken conformen Grundfassung des allgemeinen
Habitus der sittlichen Gesinnung auszuschauen. Die
peripatetische Scholastik hat sich damit begnügt, die antike
Vierzahl der Haupttugenden als die vier Haupt- und Grundformen
der rein menschlichen Tugenden hinzunehmen, und
ihnen als höhere Ergänzung die theologischen Tugenden anzufügen;
sie ist ferner auch dabei stehen geblieben, die aristotelische
Specification der einzelnen Tugenden unter Reduction
derselben auf die platonische Vierzahl in die christliche Ethik
herüberzunehmen, 1 wobei allerdings auf die dem antiken Bewusstsein
fremden Tugenden des christlichen Ascetismus und
Glaubensheroismus nicht vergessen, und überdies im Namen
der Cardinaltugend der Gerechtigkeit die Gottesverehrung als
gemeinmenschliche Grundpflicht urgirt wurde. Der mustergiltige
Typus dieser Gestaltung der christlichen Tugendlehre ist von
Thomas Aq. geschaffen worden; da die auf ihn folgenden Theologen
als Sententiarier im Anschluss an den Text des Lombarden
nicht Raum zur systematischen Entfaltung der Ethik fanden,
so blieb Thomas während des gesammten Mittelalters sogar der
einzige, der eine vollständige christliche Tugendlehre auf Grund
der aristotelischen Psychologie und Ethik lieferte. Bei Aureolus
1 Den Umstand, dass Aristoteles sich nicht auf die Deduction jener Vierzahl
und auf die Subsumtion der gesammten Ethik unter dieselbe einliess,
erklärt sich Aureolus auf seine Weise so: Virtutes cardinales sunt
species subalternativae et generales, in quas immediate virtus moralis
dividitur, non ut sciamus, sed ut boni fiamus; et ideo Philosophus non
C.uravit tradere divisionem virtutum artificialem. 3 dist. 33, qu. 2, art. 1.