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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 98. Band, (Jahrgang 1881)

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Werner.

fassenden  ethischen  Selbst  des  Menschen  anzusehen  haben.
Wenn  die  aus  der  antiken  Philosophie  ererbte  traditionelle
Eintheilung  der  Tugenden  alle  besondere  Arten  von  Tugenden
unter  bestimmte  Hauptformen  subsumirte,  in  deren  Vierzabl
die  specifischen  Grundbestimmtheiten  des  allgemeinen  Habitus
des  wahrhaft  und  vollkommen  Tugendhaften  auseinandertreten,
so  ist  der  christliche  Ethiker  vor  die  Aufgabe  gestellt,  entweder ­
  in  dieser  Vierzahl  der  Haupttugenden  die  absolut  zureichende ­
  Form  und  Fassung  des  gesammten  Tugendlebens  und
Tugendstrebens  zu  erweisen,  oder  wofern  dies  im  Hinblick  auf
die  Incongruenz  zwischen  dem  antiken  und  christlichen  Sittlichkeitsbegriffe ­
  als  unzulässigerscheinen  sollte,  nach  einer  anderen,
dem  verchristlichten  Denken  conformen  Grundfassung  des  allgemeinen ­
  Habitus  der  sittlichen  Gesinnung  auszuschauen.  Die
peripatetische  Scholastik  hat  sich  damit  begnügt,  die  antike
Vierzahl  der  Haupttugenden  als  die  vier  Haupt-  und  Grundformen ­
  der  rein  menschlichen  Tugenden  hinzunehmen,  und
ihnen  als  höhere  Ergänzung  die  theologischen  Tugenden  anzufügen; ­
  sie  ist  ferner  auch  dabei  stehen  geblieben,  die  aristotelische ­
  Specification  der  einzelnen  Tugenden  unter  Reduction
derselben  auf  die  platonische  Vierzahl  in  die  christliche  Ethik
herüberzunehmen,  1  wobei  allerdings  auf  die  dem  antiken  Bewusstsein ­
  fremden  Tugenden  des  christlichen  Ascetismus  und
Glaubensheroismus  nicht  vergessen,  und  überdies  im  Namen
der  Cardinaltugend  der  Gerechtigkeit  die  Gottesverehrung  als
gemeinmenschliche  Grundpflicht  urgirt  wurde.  Der  mustergiltige
Typus  dieser  Gestaltung  der  christlichen  Tugendlehre  ist  von
Thomas  Aq.  geschaffen  worden;  da  die  auf  ihn  folgenden  Theologen ­
  als  Sententiarier  im  Anschluss  an  den  Text  des  Lombarden
nicht  Raum  zur  systematischen  Entfaltung  der  Ethik  fanden,
so  blieb  Thomas  während  des  gesammten  Mittelalters  sogar  der
einzige,  der  eine  vollständige  christliche  Tugendlehre  auf  Grund
der  aristotelischen  Psychologie  und  Ethik  lieferte.  Bei  Aureolus
1  Den  Umstand,  dass  Aristoteles  sich  nicht  auf  die  Deduction  jener  Vierzahl ­
  und  auf  die  Subsumtion  der  gesammten  Ethik  unter  dieselbe  einliess,
  erklärt  sich  Aureolus  auf  seine  Weise  so:  Virtutes  cardinales  sunt
species  subalternativae  et  generales,  in  quas  immediate  virtus  moralis
dividitur,  non  ut  sciamus,  sed  ut  boni  fiamus;  et  ideo  Philosophus  non
C.uravit  tradere  divisionem  virtutum  artificialem.  3  dist.  33,  qu.  2,  art.  1.
            
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