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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 98. Band, (Jahrgang 1881)

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W  erner.

intellectives  und  sensitives  zu  theilen,  da  diese  Scheidung  nicht
im  Wesen  der  Seele  als  solcher  begründet,  sondern  auf  entgegengesetzte ­
  Impulse  zurückzuführen  ist,  welche,  seien  sie  innerhalb ­
  oder  ausserhalb  des  Menschen  gelegen,  entweder  geistiger
oder  sinnlicher  Natur  sein  können.  Aureolus  denkt  bei  den
Motionen  des  sensitiven.Begehrens  und  Strebens  an  die  leiblich
basirten  Emotionen  der  verschiedenen  Temperamentsartungen;
diese  letzteren  sind  jedoch  nur  individuelle  Beeinflussungen
und  Tingirungen  des  gemeinmenschlichen  seelischen  Empfindens
und  Begehrens,  welches  durch  die  specielle  Disposition  der
sinnlichen  Leiblichkeit  nicht  gemacht,  sondern  nur  auf  eine  bestimmte ­
  Weise  gestaltet  wird.  Den  durch  die  sinnliche  Leiblichkeit ­
  bedingten  Tingirungen  und  Beeinflussungen  des  seelischen
Affectlebens  steht  eine  andere  Art  von  Motionen  des  seelischen
Affectlebens  gegenüber,  die,  aus  einer  höheren  geistigen  Sphäre
stammend,  mit  der  Macht  der  Begeisterung  auf  das  Menschengemüth
  wirken,  und  die  natürliche  Selbstigkeit  im  Elemente
einer  reinen  und  lauteren  Freude  am  Wahren,  Guten  und
Schönen  um  seiner  selbst  willen  reinigend  und  klärend  umbilden.
Die  Lehre  von  den  Affecten  ist  für  die  richtige  Ausgestaltung ­
  der  christlichen  Tugendlehre  von  hohem  Belange.  Die
religiösen  Tugenden  des  Glaubens,  Höffens  und  Liebens  haben
im  Unterschiede  von  den  sogenannten  moralischen  oder  Willenstugenden ­
  einen  durchaus  affectiven  Character,  daher  denn  die
auf  die  Tugendstimmungen  des  christlichen  Glaubens,  Höffens
und  Liebens  gegründete  Theologie  wesentlich  Theologia  affectiva
  ist,  und  als  solche  in  der  christlichen  Mystik  sich  ausgestaltet ­
  hat.  Den  sogenannten  moralischen  Tugenden,  zu
welchen  Aureolus  beziehungsweise  auch  die  Yirtus  prudentiae
rechnet, 1  kommt,  soweit  sie  zum  Affectleben  der  Seele  in  Beziehung ­
  stehen,  nur  ein  moderativer  oder  repressiver  Einfluss
zu;  die  mit  der  Uebung  jener  Tugenden  verbundene  Steigerung

1  Impossibile  est,  actum  prudentiae  proprie  dictum  esse  in  intellectu,  quin
sit  actus  virtutis  moralis  in  voluntate.  .  .  .  Impossibile  est  habitum
prudentiae  acquiri  in  intellectu,  quin  liabitus  moralis  conformis  acquiratur
in  appetitu  .  .  .  Impossibile  est  liabitus  prudentiae  esse  in  intellectu,
quin  omnes  virtutes  morales,  quae  distinquuntur  per  prudentiam,  sint  in
appetitu.  Et  haec  est  intentio  Philosophi  expresse,  licet  aliqui  velint
somniare  contrarium.  3  dist.  35,  art.  2.
            
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