182
Werner.
Aureolus deutet diese Entscheidung dahin, dass die menschliche
Seele genau in jenem Sinne, wie alle anderen Wesensformen
der Körper, der lebendigen sowol als der unlebendigen Form
des Leibes sei. 1 Diess wird nun offenbar vom Coneil nicht
gesagt, und konnte nicht gesagt werden, da das Coneil die
sogenannte Wesensform des Steines oder auch die sogenannte
Seele des Thieres doch nicht auf eine Stufe mit der geistbegabten
Menschenseele stellen konnte. Das Coneil erklärt nur, dass
die Seele wesentlich und kraft ihrer Wesenheit Form des Leibes
sei, so dass dieser ohne Vorhandensein der ihn informirenden
Seele gar nicht wirklich sein könnte. Die Begriffe von Seele
und Leib involviren sich ja gegenseitig, nur mit dem Unterschiede,
dass ein, wenn auch unvollkommener, Bestand der
Seele ohne den Leib, nicht aber ein Bestand des Leibes ohne
Seele denkbar ist, weil eben die Seele als Wesensform das von
ihr innerlich gefasste und beseelte Stoffgebilde zu ihrem specifischen
Wirkungsorgan und sinnlichen Mittel und Elemente
ihrer Selbstdarstellung macht. Sie ist im Unterschiede vom
körperlichen Geiste zur Vereinigung mit einem stofflichen Leibe
geschaffen, und muss desshalb ihrem Wesen nach so beschaffen
sein, dass sie zu dem Stoffgebilde, dessen Seele sie bilden
soll, nicht bloss äusserlich herantritt, sondern mit demselben
sich zu einer wahrhaften, wesentlichen Einheit zusammenschliesst,
was nur so geschehen kann, dass das Stoffgebilde in die seelische
Wesensform hineingebildet wird, welche Hineinbildung aber
einem innerlichen Gefasstwerden des Stoffes durch die Seele
gleichkommt, die den von ihr geformten Stoff als leiblichen
Abdruck ihrer selbst aus sich hervorstellt. Die Entscheidung
des Concils besagt, dass der Mensch nicht eine Vereinigung
von Thier und Engel sei, wie man immerhin das Wesen des
Menschen im Sinue des Averroes fassen müsste, vorausgesetzt,
dass dieser der intellectiven Seele einen selbstigen Bestand
zugewiesen hätte, was jedoch nicht der Fall ist; daher es auch
von Seite des Aureolus gefehlt war, seine Erörterungen über
das Wesen des Menschen an die averroistische Anschauung
1 ln oppositum est Decretalis noua condita in sacro Concilio Vieunensi,
ubi dicitur, quod anima est forma corporis sicut formae aliae seu animae
aliae. Ibid.