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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 98. Band, (Jahrgang 1881)

98

Keiniscb.

Bestimmt  wissen  wir  einen  solchen  Fall  vom  Volke  der  Algeden,
welche  derzeit  eifrige  Muslims  sind  und  nur  im  Tigrö  sprechen,
trotzdem  aber  von  den  Kunama  als  ihre  Brüder  angesehen
werden.  ’
Wir  sehen  also  gerade  hier  im  Nordwesten  vom  heutigen
Kunama-Lande  noch  deutlich,  wie  die  ehemalige  Verbindung  der
Kunama  mit  ihren  nächsten  Raceverwandten,  welche  gewiss  nur
von  den  eindringenden  Semiten  gegen  die  oberen  Nilländer
zurückgetrieben  worden  sind,  unterbrochen  und  zerrissen  wurde.
Denn  der  gegenwärtigen  Isolirung  der  Kunama,  da  dieselben
mit  keinem  jetzt  in  Nordost-Afrika  sesshaften  Volke  weder  in
sprachlicher  noch  physischer  Beziehung  irgend  einen  Zusammenhang ­
  zeigen,  muss  eine  Epoche  vorausgegangen  sein,  in  welcher
neben  ihnen  andere  Völker  gleichen  Ursprungs  gehaust  haben.
Die  physischen  Merkmale  der  Kunama  —  sie  sind  dolichocephal,
  mit  schmutzig  schwarzer  Hautfarbe,  ein  wenig  aufgeworfenen ­
  Lippen  und  sehr  stark  nach  vorn  gerichtetem
Gebiss,  aufgestülpter  Nase,  grossem  Mund  und  mächtig  entwickeltem ­
  Unterkiefer,  spärlichem  Bartwuchs,  die  Extremitäten
mager  und  wenigstens  beim  männlichen  Geschlecht  gänzliches
Fehlen  der  Waden,  charakteristisch  ist  beiden  Geschlechtern
die  sehr  stark  geneigte  Stellung  des  Beckens  2  —  machen  dieses
Volk  beim  ersten  Blick  als  der  afrikanischen  Urrace  angehörig
sofort  erkenntlich,  welche,  wenn  man  die  Kunama  und  das
kleine  Völkchen  der  Barea  abrechnet,  derzeit  aus  ganz  Nordostafrika ­
  durch  die  Semiten  völlig  verdrängt  ist  und  erst  am
oberen  Nil  wieder  beginnt  und  dort  ohne  nennenswerthe  Unterbrechung ­
  durch  semitische  Einschiebungen  sich  fortsetzt.
Auch  die  Sitten  und  Gebräuche  der  Kunama,  von  den
der  übrigen  Völker  Nordost-Afrikas  (die  Barea  abgerechnet)
völlig  abweichend,  treffen  wir  vielfach  wieder  bei  Völkern  am
Nil  und  den  Nubiern  in  Kordofan;  ich  erinnere  bezüglich  der
Gebräuche  beispielsweise  nur  an  das  oben  geschilderte  eigenthümliche
  Erbrecht  der  Kunama,  welches  allgemein  auch  in
1  Vgl.  auch  Hunzinger,  Ostafrikanische  Studien,  S.  432.
2  Diese  Characteristica  gelten  für  die  Kunama  des  Inlandes  von  Betkoni
nach  Süden  zn,  während  die  nördlichen  Nachbarn  der  Barea  bei  Tendere,
Samero  u.  s.  w.  in  Folge  von  Wechselheiraten  mit  diesen  vielfach  dem
Barea-Typus  ztineigen.
            
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