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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 98. Band, (Jahrgang 1881)

96

R  e  in  i  sch.

Ein  grösseres  Interesse  als  Einleitung  zur  Sprache  eines
Volkes  bietet  die  Frage  nach  dessen  Herkunft  und  verwandtschaftlichen ­
  Beziehungen  zu  andern  Völkern.  Wirft  man  einen
Blick  auf  die  Gebiete,  welche  das  Kunama-Volk  gegenwärtig
innehat,  so  springen  zwei  Thatsachen  von  selbst  in  das  Auge
des  Betrachters:  die  Kunama  bewohnen  ein  schwer  zugängliches, ­
  wenig  anlockendes  Gebirge,  theilweise  auch  Hochgebirge,
und  sind  ferner  von  allen  Seiten,  mit  Ausnahme  einer  kurzen
Strecke  im  Norden,  wo  die  Barea  angrenzen,  von  semitischen
Einwanderern,  Tigre  und  Amhara,  eingeschlossen.
Aus  diesen  zwei  Thatsachen  darf  wohl  vermuthet  werden,
dass  die  Kunama  jenes  unwirthliche  Gebirgsland  schwerlich
aus  freiem  Antriebe  gegen  die  fruchtbaren  Ebenen  und  Niederungen ­
  an  den  Flüssen  vertauscht  haben,  sondern  in  Folge
Vordringens  semitischer  Einwanderer  von  allen  Seiten  bedrängt,
dorthin  sich  zurückziehen  mussten.
Hierzu  kommt  noch  eine  dritte,  ebenso  wesentliche  Thatsache:
  die  Kunama  sind  fast  ausschliesslich  nur  Ackerbauer
und  betreiben  die  Viehzucht  gerade  so  weit,  um  eben  ausreichend ­
  Milch  und  Butter  zu  ihrer  Polenta  zu  erzielen.  Ihr
Hauptnahrungszweig  ist  nicht  Fleisch,  sondern  nur  Korn,
woraus  sie  eine  Art  Polenta  machen;  ausserdem  bildet  ihre
tägliche  Nahrung  das  bekannte  vortreffliche  Kunama-Bier,
welches  sie  stark  zu  brauen  verstehen  und  meist  mit  dem
dicken  Malz  vermengt  trinken.
Diese  Gebirge  jedoch,  welche  die  Kunama  bewohnen,
eignen  sich  aber  meist  nur  für  Viehzucht,  dagegen  wenig  für
den  Ackerbau,  und  gerade  in  diesem  letztem  Zweige  übertreffen
die  Kunama  bezüglich  rationeller  und  hingebender  Behandlung
des  Bodens  weitaus  alle  umwohnenden  Völker,  von  denen
z.  B.  die  Tigre,  obwohl  über  die  fruchtbaren  Niederungen  im
Barka  verbreitet,  erst  jetzt  allmälig  vom  Nomadenleben  zum
Ackerbau  überzugehen  im  Begriffe  stehen.  Der  reiche  Ertrag
des  Bodens  im  Barka,  der  bei  wenig  Pflege  stets  grossen  und
sichern  Erntesegen  bringt,  veranlasst  also  die  Tigre,  ihr  ihnen
lieb  gewordenes,  ungebundenes  Nomadenleben  aufzugeben  und
sich  sesshaft  zu  machen.  Wären  demnach  die  Kunama  in  ihr
jetziges  steiniges  Gebirgsland  den  Tigre  gleich  als  Nomaden
eingezogen,  nie  wären  sie  dann  bei  den  obwaltenden  Boden-
            
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