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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 97. Band, (Jahrgang 1880)

Apollinaris  Sidonins  als  Politiker.

951'

Blicke  für  Aussehen  und  Tracht  fremder  Stämme  ausgestattet,
schildert  er  die  Besiegten,  deren  Führer,  wie  es  scheint,  in
Bordeaux  zu  bleiben  genöthigt  wurden:  den  meereskundigen
Sachsen,  den  greisen,  wohl  inerovingischen  Franken,  der  die
Zier  seines  langen  Haares  hier  wieder  zu  erhalten  hofft, 1  den
aus  dem  fernen  Norden  stammenden,  meerfarbenen  Heruler,
den  riesigen,  um  Ruhe  auf  seinen  Knieen  bittenden  Burgunden.
Er  erfährt,  wie,  auf  Eurich’s  Schutz  bauend,  der  Ostgothe  sich
des  hunischen  Nachbars  in  frischer  Uebeidegenheit  erwehrt.  Wie
man  nach  dem  Gedichte  in  Rom  auf  Eurich  hoffte,  ward  schon
erwähnt.  Des  Perserkönigs  Gesandte  erscheinen  mit  Angeboten
von  Bündnissen  und  Geldhilfen  an  seinem  Hofe,  von  der  Kriegstiichtigkeit
  desselben  gegen  die  Byzantiner  überzeugt. 2
Ich  denke  doch,  man  braucht  das  gar  nicht  zur  Publication
bestimmte  Gedicht  nur  aufmerksam  zu  lesen,  um  sich  von  der
Wahrhaftigkeit  der  in  demselben  niedergelegten  und  mit  dem
Briefe  an  Basilius  so  wohl  stimmenden  Eindrücke  zu  überzeugen.
Sidonius,  wie  früher  bemerkt  ward, 3  so  ganz  unempfindlich ­
  für  die  Anrechte  römischer  Kaiserdynastieen,  war  doch
betroffen  von  der  festen  Familientradition  germanischer  Fürstenfamilien. ­
  Nach  dem  Anfänge  des  Jahres  467, 4  da  Eurich  zum
Throne  gelangte,  aber  bevor  Sidonius  Bischof  und  vollends
Eurichs  Unterthan  ward,  hat  er  für  einen  Bekannten  eine  Inschrift ­
  gedichtet,  die  auf  eine  von  demselben  der  Gemahlin
Eurich’s,  der  Königin  Ragnahilde,  bestimmte  Schale  eingegraben
werden  sollte.  Da  preist  der  in  den  puren  Rangunterschieden
des  römischen  Beamtenthums  aufgewachsene  Dichter,  dass  der
Königin  Vater,  Schwiegervater,  Gatte  Könige  seien  und  er  wünscht
ihr,  dass  der  Sohn  mit  und  nach  dem  Vater  König  sein  möge. 5

1  Hic  tonso  occipite,  senex  Sicamber,
Postquam  victus  es,  elicis  retrorsum
Cervicem  ad  veterem  novos  capillos.
2  Nam  quod  partibus  arma  Bosphoranis
Grandi  hinc  surgere  sentit  app.aratu  cet.
3  Vgl.  oben  S.  932.
i  Dahn  V,  88.
5  Sic  tibi  cui  rex  est  genitor,  socer  atque  maritus
Natus  rex  quoque  sit  cum  patre  postque  patrem.
Epist.  IV,  3  (8)  p.  270.
            
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