Apollinaris Sidonius als Politiker.
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scheinen mir doch für Sidonius als Politiker 1 von einer mangelhaften
Würdigung auszugehen.
Seine ganze geistige Existenz ruhte eben in dem katholischen
Römerreiche. In der Noth der Zeiten, da die letzten
noch unabhängigen Stücke desselben vertheidigt werden müssen,
schliesst er sich in Hoffnung und selbst Begeisterung demjenigen
an, der als Kaiser die Führung des Römerthumes
übernommen hat: diesem Höchsten der Beamtenhierarchie zollt
er wie einer Naturgewalt oder einem überirdischen Wesen seine
Verehrung. Man muss sich eher wundern, dass auf Libius
Severus, Olybrius und Julius Nepos Panegyriken fehlen, als
dass er sie auf die drei anderen Kaiser abgefasst hat, die auf
Maximus folgten. Nepos preist er jedoch mindestens in seinen
vertrauten Briefen als den ,gerechten* oder legitimen ,Fürsten*,
der ,Augustus gleichmässig durch die Waffen und nach seinem
Charakter* sei. 2 Der von Gundobad erhobene und in Constantinopel
niemals anerkannte Glycerius, wie der Usurpator
Romulus haben wohl in Sidonius’ Augen Beide nicht als
Kaiser gegolten.
Gleichsam stückweise hat er aber nicht nur den Rest
des Römerreiches, sondern auch die Anhänglichkeit für dasselbe
abbröckeln sehen müssen. Schon im Jahre 470 oder
471, da Kaiser Anthemius durch seine Entzweiung mit dem
Patricius Rikimer in der That zu helfen ausser Stande war,
war eine Partei im Arvernerlande den Westgothen offen günstig
und dachte ,der Adel, das Reich aufzugeben oder in den geistlichen
Stand zu treten*. 3 Ein rücksichtsloser Anhänger der
1 Literarische Jugendsünden beichtet er gar artig in dem Schlussgedichte
seiner Briefsammlung IX, 16 (16) p. 475:
nec recordari queo, quanta quondam
scripserim primo juvenis calore
unde pars major utinam taceri
possit et abdi.
2 _ sa b justo principe. Epist. VIII, 6 (7) p. 415. — armis pariter Augustus
ac moribus. Epist. V, 18 (16) p. 334.
3 Si nullae a republica vires, nulla praesidia, si nullae, quantum rumor
est, Anthemii principis opes, statuit te auctore nobilitas aut patriam dimittere
aut capillos. An seinen Schwager Ecdicius II, 12 (1) p. 234.
Unter vielen Versuchen, ,patriam dimittere 4 richtig zu deuten, mag der