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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 97. Band, (Jahrgang 1880)

Apollinaris  Sidonius  als  Politiker.

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scheinen  mir  doch  für  Sidonius  als  Politiker 1  von  einer  mangelhaften ­
  Würdigung  auszugehen.
Seine  ganze  geistige  Existenz  ruhte  eben  in  dem  katholischen ­
  Römerreiche.  In  der  Noth  der  Zeiten,  da  die  letzten
noch  unabhängigen  Stücke  desselben  vertheidigt  werden  müssen,
schliesst  er  sich  in  Hoffnung  und  selbst  Begeisterung  demjenigen ­
  an,  der  als  Kaiser  die  Führung  des  Römerthumes
übernommen  hat:  diesem  Höchsten  der  Beamtenhierarchie  zollt
er  wie  einer  Naturgewalt  oder  einem  überirdischen  Wesen  seine
Verehrung.  Man  muss  sich  eher  wundern,  dass  auf  Libius
Severus,  Olybrius  und  Julius  Nepos  Panegyriken  fehlen,  als
dass  er  sie  auf  die  drei  anderen  Kaiser  abgefasst  hat,  die  auf
Maximus  folgten.  Nepos  preist  er  jedoch  mindestens  in  seinen
vertrauten  Briefen  als  den  ,gerechten*  oder  legitimen  ,Fürsten*,
der  ,Augustus  gleichmässig  durch  die  Waffen  und  nach  seinem
Charakter*  sei. 2  Der  von  Gundobad  erhobene  und  in  Constantinopel
  niemals  anerkannte  Glycerius,  wie  der  Usurpator
Romulus  haben  wohl  in  Sidonius’  Augen  Beide  nicht  als
Kaiser  gegolten.
Gleichsam  stückweise  hat  er  aber  nicht  nur  den  Rest
des  Römerreiches,  sondern  auch  die  Anhänglichkeit  für  dasselbe ­
  abbröckeln  sehen  müssen.  Schon  im  Jahre  470  oder
471,  da  Kaiser  Anthemius  durch  seine  Entzweiung  mit  dem
Patricius  Rikimer  in  der  That  zu  helfen  ausser  Stande  war,
war  eine  Partei  im  Arvernerlande  den  Westgothen  offen  günstig
und  dachte  ,der  Adel,  das  Reich  aufzugeben  oder  in  den  geistlichen ­
  Stand  zu  treten*. 3  Ein  rücksichtsloser  Anhänger  der

1  Literarische  Jugendsünden  beichtet  er  gar  artig  in  dem  Schlussgedichte
seiner  Briefsammlung  IX,  16  (16)  p.  475:
nec  recordari  queo,  quanta  quondam
scripserim  primo  juvenis  calore
unde  pars  major  utinam  taceri
possit  et  abdi.
2  _  sa b  justo  principe.  Epist.  VIII,  6  (7)  p.  415.  —  armis  pariter  Augustus
ac  moribus.  Epist.  V,  18  (16)  p.  334.
3  Si  nullae  a  republica  vires,  nulla  praesidia,  si  nullae,  quantum  rumor
est,  Anthemii  principis  opes,  statuit  te  auctore  nobilitas  aut  patriam  dimittere
  aut  capillos.  An  seinen  Schwager  Ecdicius  II,  12  (1)  p.  234.
Unter  vielen  Versuchen,  ,patriam  dimittere 4  richtig  zu  deuten,  mag  der
            
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