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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 97. Band, (Jahrgang 1880)

Abhandlungen  aus  dem  Gebiete  der  slavischen  Geschichte.  IY.

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mehr  geblieben  als  ein  gewisser  Pietismus,  der  sich  darin  gefiel,
die  Czechen  für  das  auserwählte  Volk  Gottes  zu  halten,  dem  die
modernen  Kanaaniten  zum  Opfer  zu  fallen  hatten.  Und  diese
Verkehrung  der  Dinge,  diesen  Abfall  von  seiner  Geschichte
wagt  man  jetzt  dem  czechischen  Volke  als  höchste  Blüthe  darzustellen, ­
  als  den  Lichtpunkt  der  Entwicklung,  als  die  Sonne,
die  in  finsterer  Nacht  zu  leuchten  begonnen  und  an  der  die
übrigen  Völker  ihre  Thranlampe  angezündet!
Es  kann  hier  der  Controverse,  ob  die  Prager  Universität
die  erste  deutsche,  ob  sie  keine  deutsche  war,  nur  im  Vorübergehen ­
  gedacht  werden.  Dass  Prag  durch  Karl  IV.  die
Hauptstadt  des  deutschen  Reiches  wurde,  ist  von  den  Zeitgenossen ­
  ebenso  anerkannt  worden,  als  dass  Böhmen  selbst
ein  Glied  des  deutschen  Reiches  war  und  somit  die  Gründung
der  Universität  auf  deutschem  Reichsboden  erfolgte.  Sieht  man
aber  auf  die  Männer,  welche  die  Prager  Universität  besuchten
und  ihr  denn  doch  eigentlich  ihren  Charakter  verliehen,  so
strömten  nach  dem  Ausspruche  eines  unverwerflichen  Zeugen,
des  Andreas  von  Böhmisch-Brod,  Preussen,  Ruthenen,  Polen,
Ungarn,  Engländer,  Irländer,  Spanier,  Sachsen,  Schweden,
Dänen,  Jüten,  Norweger,  Finländer,  Venetianer,  Lombarden,
Neapolitaner,  Mittelitaliener,  Franzosen,  Cyprier,  Rheinländer,
Schwaben,  Baiern,  nach  Prag,  dort  zu  studiren.  Andreas
kommt  förmlich  in  Entzückung,  wenn  er  an  dieses  Glück
denkt,  das  Prag  zu  Theil  wurde.  0  glückliches  Böhmen,  o
glückliche  Krone  Böhmens,  o  überglückliches,  o  edles  Prag!
ruft  er  aus. 1  Karl  IV.  wollte  ein  allgemeines  Studium  schaffen,
nicht  ein  particulares,  blos  czecliisches,  und  der  Erfolg  entsprach, ­
  wenigstens  so  lange  er  lebte,  diesen  seinen  rastlosen
Bemühungen,  wie  man  aus  dem  Verzeichnisse  des  Andreas
sieht,  in  glänzender  Weise.  Niemand  wird  sich  doch  einbilden, ­
  dass  Finländer  und  Norweger  nach  Prag  kamen,  um
Vorträge  über  czechische  Literatur  zu  hören,  und  die  Auswahl, ­
  welche  Karl  IV.  bei  den  von  ihm  selbst  geleiteten  Berufungen ­
  der  Männer  traf,  denen  er  sein  allgemeines  Studium
anvertrauen  wollte,  beweist,  dass  es  ihm  ernst  war,  eine  Welt-1

  Höfler,  Magister  Johannes  Hus  und  der  Abzug  der  deutschen  Professoren
und  Studenten  aus  Prag,  S.  115.
Sitzungsbor.  d.  phil.-hist.  CI.  XCV1I.  Bd.  111.  Hft.  57
            
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