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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 97. Band, (Jahrgang 1880)

Abhandlungen  ans  dem  Gebiete  der  -ßlavischen  Geschichte.  IV.  849
und  die  unaufhörlichen  Kämpfe  der  zahlreichen  russischen
Fürsten  unter  einander,  die  zu  den  widerwärtigsten  Erscheinungen ­
  der  Weltgeschichte  gehören.  Es  ist  in  hohem  Grade
merkwürdig,  dass  auch  hier,  als  die  Slavisirung  der  Ross  erfolgt ­
  war,  das  kirchliche  Element  vielfach  die  Scheidung  eher

vermehrt  als  vermindert.  Mit  dem  kirchlichen  Anschlüsse  an
Constantinopel  werden  die  Russen  Erben  des  unverständigen
Hasses  der  Griechen  gegen  die  Lateiner,  deren  lebensvolle
Entwicklung  ihnen  dadurch  völlig  entgeht;  da  ihnen  aber  die
ganze  grosse  Vergangenheit  der  Griechen  und  der  griechischen
Kirche  abgeht,  lernen  sie  wohl  von  diesen  die  kirchliche  Streitsucht ­
  und  ihre  Fürsten  die  willkürliche  Verfügung  über  Bischöfe

und  Erzbischöfe;  aber  das  kirchliche  Leben  geht  theils  in  den
Monachismus  auf,  theils  in  ein  Sectenwesen,  das  den  Grund
der  Spaltung  im  reinsten  Formelwesen  iindet:  ob  die  Bekreuzung
zwei-  oder  dreimal  stattzufinden,  eine  Procession  rechts  oder
links  auszugehen  hat.  Man  darf  sich  nicht  wundern,  wenn
dann  das  Judenthum  als  christliche  Secte  sich  bemerkbar
macht,  und  während  das  Volk,  gewaltsam  zur  Taufe  gezwungen,
im  crassesten  Aberglauben  sich  ergeht,  die  sogenannte  Reinheit ­
  des  Glaubens  nur  durch  die  schärfsten  Strafen  erhalten
werden  kann.  Da  nun  dazu  sich  der  Contact  mit  Avaren,
den  Bulgaren  an  der  Wolga,  den  Chasaren,  den  Petschenegen,
den  Polowzen,  im  Norden  mit  den  Lappen  und  Tschuden,  mit
Esten,  Liwen,  Finnen,  Permiern  und  Letten  gesellte,  die  noch
lange  im  barbarischen  Heidentliume  begriffen  waren,  der  Contact ­
  mit  der  lateinischen  Welt  gerade  durch  die  kirchliche  Absperrung ­
  in  jener  Zeit  gering  wurde,  wo  er  im  geistigen
Interesse  Russlands  am  meisten  gewünscht  werden  musste,  die
unaufhörlichen  ihnern  Kriege  die  Wildheit  und  Barbarei  nur
vermehrten,  so  bildeten  sich  hier  Zustände  aus,  wie  man  sie
im  übrigen  Europa  nicht  wieder  fand.  Was  dem  Mächtigen
gefiel,  war  erlaubt,  und  das  gegenseitige  Morden  eigentlich  das
Princip  der  russischen  Reiche  geworden,  die  rastlos  am  gegenseitigen ­
  Untergange  arbeiteten  und  die  Katastrophe  zeitigten,
die  im  XIII.  Jahrhunderte  einbrach  und  zu  den  Deutsch-  und
Gräcoslaven  auch  tatarische  Slaven  fügte.  Man  kann  sagen,
es  hat  sich  die  slavische  Welt  im  Mittelalter  nirgends  freier
entwickelt  als  in  Russland  im  XL,  XII.  und  im  Anfänge  des
Sitzungsber.  d.  pbil.-hiat.  CI.  XCVII.  Bd.  UI.  Hft.  5t

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