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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 97. Band, (Jahrgang 1880)

Abhandlungen  aus  dem  Gebiete  der  slavischen  Geschichte.  IY.

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König,  Georg,  der  Herr  von  Kunstadt  und  Podiebrad,  das
Ideal  der  Föderalisten,  mit  Ausschluss  der  berechtigten  fürstlichen ­
  Erben  den  königlichen  Thron  besteigt,  1458.
Die  Schwäche  und  Getheiltheit  Deutschlands  war,  wie  so
oft  auch  damals  der  Grund  der  Grösse  Böhmens  und  seiner  Entfremdung ­
  von  den  Geschicken  des  deutschen  Reiches,  das  dem
Lande  zur  Königskrone,  ja  selbst  zum  Kaisertkume  verholten.
Doch  wir  sind  unserem  Ziele  weit  vorausgeeilt.  Ich  wollte
nur  gleichsam  an  einer  Stichprobe  zeigen,  wie  sehr  die  slavische
Geschichte  auch  in  die  Geschichte  anderer  Völker  eingreife,
und  bin  unvermerkt  dahin  gekommen,  als,  um  mich  der  Worte
eines  deutschen  Historikers  des  XIV.  Jahrhunderts  zu  bedienen,
Prag  bereits  geworden  war,  was  Constantinopel  war,  der  Sitz
eines  Kaiserthums.  Schien  doch  in  dem  darauffolgenden  Jahrhunderte ­
  König  Georg  von  Podiebrad  wählen  zu  können  zwischen
der  abendländischen  und  der  morgenländischen  Kaiserkrone.
So  sehr  gab  die  Geschlossenheit  eines  politisch  und  geographisch
concentrirten  Staates  Ansehen,  Macht  und  Bedeutung  —  für
einige  Jahre,  dann  schwand  auch  dieses  Gebilde,  so  rasch  als
es  entstanden  war.  Der  Erbe  der  husitischen  Revolution  that
gut  daran,  früh  zu  sterben,  1471,  ehe  ihn  das  Schicksal  seines
Nachfolgers  erreichte  und  —  Böhmen  getheift  wurde.  —  Ja,
man  begeht  ein  grosses  Unrecht,  wenn  man,  wie  dieses  bisher
nur  zu  sehr  der  Fall  bei  den  Deutschen  war,  der  Tragweite
der  slavischen  Geschichte  sein  Auge  verscliliesst.  Begreiflich
kann  es  aber  hiebei  nicht  auf  das  ankommen,  was  das  einzelne
Volk  leistete,  dessen  Entwicklung  von  dem  abzuhängen  scheint,
was  wir  den  Zufall  nennen,  was  aber  in  der  That  in  der  Aufeinander- ­
  und  Zusammenwirkung  der  Völker  ihm  zugefallen  ist,
bei  der  unbewussten  Wahl  des  Landes,  das  seine  Heimat
wurde,  bei  der  Eingehung  politischer  und  socialer  Verbindungen
mit  denen,  die  es  zu  Nachbarn  hatte,  bei  dem  Einflüsse,  den
die  frühere  Cultur  auf  die  spätere  immer  auszuüben  pflegt,  bei
der  starren  Eigentkümlickkeit  des  eigenen  Wesens,  das  immer
aufs  Neue  zum  Durchbruche  kommt  und,  wenn  es  tausendfach
überwunden  zu  sein  scheint,  sich  wieder  geltend  macht,  wo  man
es  am  wenigsten  vermuthet.  Wir  haben  selbst  eine  gewisse
Verpflichtung,  uns  mit  der  Frage  zu  beschäftigen:  was  haben
die  slavischen  Völker  im  Laufe  der  Jahrhunderte  geleistet,  wozu
            
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