Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 97. Band, (Jahrgang 1880)

38

K  a  11  e  n  b  r  u  n  n  e  r.

nach  Anführung  von  Luther,  Calvin  und  Beza  eifert  sie  gegen
Jene,  welche  sich  mit  den  Angeln  des  Himmels  beschäftigen
und  sich  selbst  verkennen,  welche,  Himmel  und  Erde  verwechselnd, ­
  Freude  daran  haben,  dass  sich  der  ganze  Erdkreis
bewegt.  Mit  der  Lehre  der  Ketzer  sei  auch  diese  neue  Lehre
auszurotten,  nichts  dürfe  geschehen  von  Seite  der  Kirche,  was
ihr  Vorschub  leisten  und  ihr  auch  nur  einen  Schein  der  Berechtigung ­
  verleihen  könnte.  Das  ist  der  Grundgedanke,  der,
weitläufig  durch  den  Epilog  hindurchgesponnen,  die  26  Thesen
beseelt,  welche  über  den  neuen  Kalender  selbst  aufgestellt
werden.  Durch  die  Kalenderreform  soll  nämlich  —  so  meint
die  Facultät  —  die  Kirche  dem  Willen  der  Astronomen  unterworfen ­
  und  dienstbar  gemacht  werden.  Dies  berge  an  sich
schon  grosse  Gefahren  in  den  Augen  der  Orthodoxen,  denn
dadurch,  dass  man  das  heilige  Osterfest  nach  dem  Laufe  der
Gestirne  umändern  wolle,  werde  die  göttliche  Majestät,  die
allein  denselben  erkennen  und  messen  kann,  verletzt,  ja  es
werde  die  ganze  Ordnung  der  Dinge  verkehrt,  da  doch  Gott
Sonne  und  Mond  zum  Frommen  der  Kirche,  nicht  diese  zum
Dienste  jener  geschaffen  habe.  Um  so  gefährlicher  sei  aber
dieses  Beginnen,  weil  die  Bewegungen  der  Gestirne  von  den
Astronomen  gemessen  werden,  welche  verwerfliche,  gefährliche
und  unwissende  Leute  seien.  Ihre  Verwerflichkeit  besteht  in
den  Augen  der  Facultät  darin,  dass  sie  die  menschlichen  Geschicke ­
  in  Zusammenhang  mit  dem  Laufe  der  Gestirne  bringen,
und  sicher  stimmen  wir  ihr  da  bei;  nur  ist  es  unehrlich  von
ihr,  dass  sie  mit  den  traurigen  Auswüchsen  der  Astrologie  die
ganze  Wissenschaft,  welche  sich  damals  freilich  noch  nicht
ganz  von  ihnen  losschälen  konnte  (man  denke  nur  an  Kepler),
verwirft  und  verlästert.  Dieser  plumpe  Kunstgriff  der  Verwechslung ­
  der  reinen  Astronomie  mit  der  Sterndeuterei  wird
auch  noch  weiter  benützt,  wenn  ihre  Gefährlichkeit  aus  zahlreichen ­
  Stellen  der  Kirchenväter  und  selbst  aus  Edicten
römischer  Kaiser  nachgewiesen  wird.  Unnütz  und  schwach
aber  sei  die  vermeintliche  Wissenschaft,  weil  sie  Aristoteles,
dessen  Philosophie  allein  bei  den  Orthodoxen  Beachtung  finden
dürfe,  nicht  berücksichtigt,  und  weil  ihre  Vertreter  unter  sich
noch  so  uneins  seien,  dass  sie  nicht  anzpgeben  im  Stande  wären,
wie  denn  nach  ihrer  Ansicht  Ostern  richtig  gefeiert  werden
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.