Beschreibung der isländischen Saga. V.
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213 Wird etwas Wichtiges, wie z. B. ein Mordanschlag, erst verschwiegen,
später durch die Ausführung vorausgesetzt, so verbindet
sich das Wohlgefallen, welches wir über die Nachahmung
empfinden, dass nämlich das Geheime auch uns geheim bleibt,
entweder mit der angenehmen Empfindung der Ueberraschung
oder, wenn jene Vorbereitungen zu einem wichtigen Unternehmen
zwar nicht deutlich erzählt, aber doch angedeutet
werden, mit der auch angenehmen Empfindung der Spannung.
S. Gisl.
Aehnlich wie im wirklichen Leben erfahren wir in den
Sagas weit mehr von sinnlichen Symptomen seelischer Zustände
und Vorgänge, oder auch sinnlicher, wenn sie nicht sichtbar
sind, als von diesen selbst. S. S. 203 f. 208 f. 216. Und auch
die Symptome selbst erscheinen oft undeutlich, die Lügen werden
nicht als solche angegeben, was zwei Personen heimlich besprechen,
kann man oft nur errathen. S. S. 195. 209. 232.
Ebenso wird, wo statt der Vorgänge nur deren Reflexe in
einer Person erzählt werden, der Leser an das Undeutliche und
Allmähliche seiner eigenen Erfahrungen erinnert. S. S. 218 f.
Wird eine dem Leser bekannte Person durch Reflex auf
eine andere Person der Saga eingeführt, so entsteht auch Ueberraschung.
S. S. 232 f.
Wenn zwei Vorgänge bei zwei räumlich getrennten Personen
zur Darstellung kommen, kann der Autor wie ein Zuschauer
des wirklichen Lebens nur die eine Person beobachten;
was mit der andern inzwischen vorgeht, bleibt undeutlich, wenn
auch im Allgemeinen aus den Folgen erkennbar. 1 S. S. 247 ff.
In der Anordnung entspricht z. B. die Aufzählung der
Personen nach dem Locale oder nach dem Range unserer Erfahrung.
S. S. 268 f.
Wenn Personen vor einer wichtigen Begebenheit, ihrem
Tode im Kampfe z. B., nach ihrer sinnlichen Erscheinung beschrieben
werden, oft nachdem schon im Anfang der Saga eine
Beschreibung vorhergegangen, so kommt dies unserer aus der
Erfahrung des Lebens entspringenden Erwartung entgegen.
Nie beobachten wir die Gesichtszüge und die Bewegungen der
1 S. Scherer, Zur Technik der modernen Erzählung, Deutsche Rundschau
1879, S. 151 ff.