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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 97. Band, (Jahrgang 1880)

Beschreibung  der  isländischen  Saga.  V.

299

213  Wird  etwas  Wichtiges,  wie  z.  B.  ein  Mordanschlag,  erst  verschwiegen, ­
  später  durch  die  Ausführung  vorausgesetzt,  so  verbindet ­
  sich  das  Wohlgefallen,  welches  wir  über  die  Nachahmung
empfinden,  dass  nämlich  das  Geheime  auch  uns  geheim  bleibt,
entweder  mit  der  angenehmen  Empfindung  der  Ueberraschung
oder,  wenn  jene  Vorbereitungen  zu  einem  wichtigen  Unternehmen ­
  zwar  nicht  deutlich  erzählt,  aber  doch  angedeutet
werden,  mit  der  auch  angenehmen  Empfindung  der  Spannung.
S.  Gisl.
Aehnlich  wie  im  wirklichen  Leben  erfahren  wir  in  den
Sagas  weit  mehr  von  sinnlichen  Symptomen  seelischer  Zustände
und  Vorgänge,  oder  auch  sinnlicher,  wenn  sie  nicht  sichtbar
sind,  als  von  diesen  selbst.  S.  S.  203  f.  208  f.  216.  Und  auch
die  Symptome  selbst  erscheinen  oft  undeutlich,  die  Lügen  werden
nicht  als  solche  angegeben,  was  zwei  Personen  heimlich  besprechen, ­
  kann  man  oft  nur  errathen.  S.  S.  195.  209.  232.
Ebenso  wird,  wo  statt  der  Vorgänge  nur  deren  Reflexe  in
einer  Person  erzählt  werden,  der  Leser  an  das  Undeutliche  und
Allmähliche  seiner  eigenen  Erfahrungen  erinnert.  S.  S.  218  f.
Wird  eine  dem  Leser  bekannte  Person  durch  Reflex  auf
eine  andere  Person  der  Saga  eingeführt,  so  entsteht  auch  Ueberraschung. ­
  S.  S.  232  f.
Wenn  zwei  Vorgänge  bei  zwei  räumlich  getrennten  Personen ­
  zur  Darstellung  kommen,  kann  der  Autor  wie  ein  Zuschauer ­
  des  wirklichen  Lebens  nur  die  eine  Person  beobachten;
was  mit  der  andern  inzwischen  vorgeht,  bleibt  undeutlich,  wenn
auch  im  Allgemeinen  aus  den  Folgen  erkennbar.  1  S.  S.  247  ff.
In  der  Anordnung  entspricht  z.  B.  die  Aufzählung  der
Personen  nach  dem  Locale  oder  nach  dem  Range  unserer  Erfahrung. ­
  S.  S.  268  f.
Wenn  Personen  vor  einer  wichtigen  Begebenheit,  ihrem
Tode  im  Kampfe  z.  B.,  nach  ihrer  sinnlichen  Erscheinung  beschrieben ­
  werden,  oft  nachdem  schon  im  Anfang  der  Saga  eine
Beschreibung  vorhergegangen,  so  kommt  dies  unserer  aus  der
Erfahrung  des  Lebens  entspringenden  Erwartung  entgegen.
Nie  beobachten  wir  die  Gesichtszüge  und  die  Bewegungen  der

1  S.  Scherer,  Zur  Technik  der  modernen  Erzählung,  Deutsche  Rundschau
1879,  S.  151  ff.
            
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