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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 97. Band, (Jahrgang 1880)

100

Sauer.

Eine  gänzliche  Neudichtung  endlich  hat  das  Lied  ,Damöt
und  Lesbia',  das  jetzt  ,Die  Versöhnung'  überschrieben  wurde,
schon  1771  erfahren;  ich  habe  es  als  Probe  dieser  letzten  und
freiesten  Stufe  Ramierischer  Umbildung  in  den  Anhang  meiner
Ausgabe  als  Nr.  106  aufgenommen.  Auf  eigene  Kleistische
Aenderung  geht  keine  einzige  dieser  Lesarten  von  1771  und
1778  zurück.  Der  ,Frühling'  und  ,Cissides'  blieben  bis  auf
wenige  Verse  unverändert.
In  dieser  letzten  von  Ramler  empfangenen  Gestalt  wurden
Kleists  Gedichte  seit  den  siebziger  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts ­
  gelesen;  in  dieser  Form  giengen  sie  in  die  vielbenützten
Anthologien  über.  In  Ramlers  ,Lyrischer  Blumenlese',  deren
erster  Band  1774  erschien,  haben  die  aufgenommenen  Gedichte
Kleists  bereits  jene  Gestalt,  die  sie  dann  1778  in  der  vierten
Ausgabe  der  Werke  beibehalten  haben.  Auch  Matthison  in
seiner  ,Lyrischen  Anthologie'  gieng  nicht  auf  die  echten  Kleistsclien
  Fassungen  zurück.  Der  Wiener  Nachdruck,  wie  er  bei
F.  A.  Schrämbl  in  zwei  kleinen,  zierlichen  Bändchen  1789  zuerst ­
  erschien,  war  der  einzige,  welcher  die  Ausgabe  vou  1761
zu  Grunde  legte  und  die  Varianten  von  1778  im  Anhänge  beigab. ­
  Aber  Ramlers  Verballhornungen  trieben  ihr  Unwesen  bis
in  unser  Jahrhundert  herüber,  ja  bis  in  die  neueste  Zeit.  Körte
hat  sie  in  seiner  Ausgabe  vielfach  benützt.  Er  hat  sich  in  das
Exemplar  der  Ausgabe  von  1760  die  Varianten  von  1782
(=  1771)  eingetragen;  seine  Collation  liegt  mir  vor;  aber  auch
die  Ausgabe  von  1778  musste  er  bei  der  Hand  gehabt  haben
und  nun  griff  er  bald  zu  der  einen  und  bald  zu  der  anderen,
fügte  deren  Lesarten  in  die  echten  Kleistischen  Fassungen
ohne  Wahl  und  Kritik  ein,  und  nicht  selten  treffen  bei  ihm
in  derselben  Strophe  oder  sogar  in  derselben  Zeile  Varianten  des
ältesten  handschriftlichen  Brouillons  mit  den  spätesten  Erzeugnissen ­
  der  Ramierischen  Besserungssucht  zusammen,  um  so  den
Tragelaphen  eines  gänzlich  werthlosen,  unbenützbaren  Textes
zu  erzeugen.
Für  eine  neue  kritische  Ausgabe  konnte  natürlich  nur
die  erste  Ramierische  Auflage  vom  Jahre  1760  in  Betracht
kommen;  in  ganz  wenigen  Fällen  jene  von  1761  und  die
späteren  fast  gar  nicht.  Da  eine  absolut  sichere  Scheidung
von  echten  und  unechten  Lesarten  in  R  als  unmöglich  sich
            
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