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Kremer.
Aegypten ist nicht die Brutstätte der Pest; klimatische
oder allgemeine atmosphärische Ursachen sind durchaus nicht
allein entscheidend für die Entstehung der Pest, sondern öconomische,
sociale und politische Verhältnisse üben hierauf einen
maassgehenden Einfluss aus. Vor allem ist es der materielle
und moralische Zustand der Masse der Bevölkerung, vorzüglich
des Bauernstandes, welcher bei der Entstehung der Pest in
Betracht kommt; die Pest ist, soweit ich nach meinen Quellen
urtheilen kann, eine Ausgeburt des Massenelendes, der Noth,
der Unreinlichkeit, der schlechten Ernährung, des Lebens in
einer durch schädliche Ausdünstungen verunreinigten Luft,
und sonstiger ähnlicher, ungünstiger, materieller Existenzbedingungen.
1
Das Zusammentreffen solcher schädlichen Umstände kann
das spontane Auftreten der Pest sowohl im Oriente, als auch
in Europa zufolge haben, und durch das Contagium pflanzt sich
der Krankheitsstoff auch in solchen Individuen fort, die nicht
unter so ungünstigen Lebensverhältnissen sich befinden.
Dass aber verschiedene grosse Pestepidemien aus dem
Oriente durch Uebertragung nach Europa kamen, steht nach
meiner Ueberzeugung eben so fest, wie auch die Thatsache,
dass durchaus nicht alle europäischen Pestepidemien diesen
Ursprung hatten.
Inwieferne auch meteorologische oder gar tellurische Ursachen
hiebei mitspielen, bin ich nicht in der Lage zu beurtheilen,
und so lange nicht Beweise vorliegen, möchte ich derlei
Voraussetzungen entschieden zurückweisen. Eine unbegründete
Vorstellung scheint es mir auch zu sein, wenn man die Erdbeben
mit dem Auftreten der Pest in Zusammenhang zu bringen
sich bemüht. Es lässt sich hiefür kein Beweis beibringen, denn
wenn auch einige Erdbeben mit Epidemien zusammen trafen,
so ist dies doch bei der weitaus grösseren Zahl nicht der Fall.
Auch die Heuschreckenzüge, deren Richtung, wie die der Pest,
eine westliche zu sein scheint, bezeichnete man als Vorläufer
oder Träger der Pest; die Voraussetzung trifft aber durchaus
1 Die Art der Beerdigung in sehr seichten, häufig auch nicht gut verschlossenen
Gräbern, wie dies in den meisten orientalischen Städten der
Fall war und zum Tlieil noch ist, mag auch nicht selten verderbliche
Folgen gehabt haben.