Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 96. Band, (Jahrgang 1880)

86

Kremer.

Aegypten  ist  nicht  die  Brutstätte  der  Pest;  klimatische
oder  allgemeine  atmosphärische  Ursachen  sind  durchaus  nicht
allein  entscheidend  für  die  Entstehung  der  Pest,  sondern  öconomische,
  sociale  und  politische  Verhältnisse  üben  hierauf  einen
maassgehenden  Einfluss  aus.  Vor  allem  ist  es  der  materielle
und  moralische  Zustand  der  Masse  der  Bevölkerung,  vorzüglich
des  Bauernstandes,  welcher  bei  der  Entstehung  der  Pest  in
Betracht  kommt;  die  Pest  ist,  soweit  ich  nach  meinen  Quellen
urtheilen  kann,  eine  Ausgeburt  des  Massenelendes,  der  Noth,
der  Unreinlichkeit,  der  schlechten  Ernährung,  des  Lebens  in
einer  durch  schädliche  Ausdünstungen  verunreinigten  Luft,
und  sonstiger  ähnlicher,  ungünstiger,  materieller  Existenzbedingungen. ­
  1
Das  Zusammentreffen  solcher  schädlichen  Umstände  kann
das  spontane  Auftreten  der  Pest  sowohl  im  Oriente,  als  auch
in  Europa  zufolge  haben,  und  durch  das  Contagium  pflanzt  sich
der  Krankheitsstoff  auch  in  solchen  Individuen  fort,  die  nicht
unter  so  ungünstigen  Lebensverhältnissen  sich  befinden.
Dass  aber  verschiedene  grosse  Pestepidemien  aus  dem
Oriente  durch  Uebertragung  nach  Europa  kamen,  steht  nach
meiner  Ueberzeugung  eben  so  fest,  wie  auch  die  Thatsache,
dass  durchaus  nicht  alle  europäischen  Pestepidemien  diesen
Ursprung  hatten.
Inwieferne  auch  meteorologische  oder  gar  tellurische  Ursachen ­
  hiebei  mitspielen,  bin  ich  nicht  in  der  Lage  zu  beurtheilen,
  und  so  lange  nicht  Beweise  vorliegen,  möchte  ich  derlei
Voraussetzungen  entschieden  zurückweisen.  Eine  unbegründete
Vorstellung  scheint  es  mir  auch  zu  sein,  wenn  man  die  Erdbeben ­
  mit  dem  Auftreten  der  Pest  in  Zusammenhang  zu  bringen
sich  bemüht.  Es  lässt  sich  hiefür  kein  Beweis  beibringen,  denn
wenn  auch  einige  Erdbeben  mit  Epidemien  zusammen  trafen,
so  ist  dies  doch  bei  der  weitaus  grösseren  Zahl  nicht  der  Fall.
Auch  die  Heuschreckenzüge,  deren  Richtung,  wie  die  der  Pest,
eine  westliche  zu  sein  scheint,  bezeichnete  man  als  Vorläufer
oder  Träger  der  Pest;  die  Voraussetzung  trifft  aber  durchaus
1  Die  Art  der  Beerdigung  in  sehr  seichten,  häufig  auch  nicht  gut  verschlossenen ­
  Gräbern,  wie  dies  in  den  meisten  orientalischen  Städten  der
Fall  war  und  zum  Tlieil  noch  ist,  mag  auch  nicht  selten  verderbliche
Folgen  gehabt  haben.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.