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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 96. Band, (Jahrgang 1880)

78  Kremer.
die  Kleidung  immer  dürftiger.  Die  Unreinigkeit  steigert  sich
in  demselben  Verhältnisse,  als  der  Sinn  für  feinere  Lebensgenüsse ­
  und  den  Luxus  schwindet.  Bei  längerer  Andauer
solcher  Zustände  entwickeln  sich  hieraus  in  den  Massen  krankhafte ­
  Anlagen,  die,  wie  ich  später  an  einem  überzeugenden
Beispiele  nacliweisen  werde,  selbst  zur  Entstehung  der  Bubonenpest ­
  führen  können.
Wenn  sich  unter  solchen  Vorbedingungen  die  Pest  plötzlich
weit  öfter  zeigte,  hartnäckiger  sich  einnistete  und  in  immer
kürzeren  Zeiträumen  auftritt,  so  wird  es  also  nicht  mehr  unberechtigt ­
  erscheinen,  wenn  ich  daraus  den  Schluss  ziehe,  dass
sie  ihren  Ursprung  nicht  so  sehr  im  Klima,  in  der  schwächeren
oder  stärkeren  Nilüberschwemmung,  der  Hitze,  den  herrschenden
Winden  oder  gar  in  den  Erdbeben  oder  sonstigen  unbekannten
kosmischen  Vorgängen  hat,  sondern  einfach  in  dem  Elende  der
Massen,  in  deren  zunehmender  Verthierung  und  der  durch  die
Vernachlässigung  der  Agricultur,  den  Verfall  des  freien  Bauernstandes ­
  immer  häufiger  sich  einstellenden  Plage  der  Nothjahre.
Von  'diesem  Standpunkte  aus  betrachtet,  erscheint  die  Pest
nicht  als  eine  Culturkrankheit,  wie  sie  ein  neuerer  Schriftsteller ­
  1  bezeichnen  zu  dürfen  vermeint,  sie  ist  vielmehr  eine
Krankheit  der  Uncultur.  Sie  entspringt  aus  dem  Rückgänge
der  Cultur  oder  aus  den  abnormen  Zuständen  der  Gesellschaft.
Hieher  gehören  die  Uebervölkerung,  der  Pauperismus  und  die
Anhäufung  grosser  Menschenmassen  unter  besonders  ungünstigen
allgemeinen  Lebensbedingungen.
Der  Geschichtsphilosoph  Ibn  Chaldun  bezeichnet  deshalb
Uebervölkerung  als  ein  Merkmal  des  Verfalles  eines  Staates
und  verbindet  hiemit  ausdrücklich  das  Auftreten  von  Hungersnoth
  und  Epidemien  als  natürliche  Folge.  2
Nicht  Aegypten  ist  ein  für  die  Pestentstehung  besonders
geeignetes  Land,  sondern  die  Seuche  trat  dort  häufiger  und
heftiger  als  anderswo  auf,  weil  kaum  je  in  einem  anderen  Lande

1  Die  Cnltnrkrankheiten  der  Völker.  Geschichtliche  Untersuchungen  über
die  Pesten  und  die  Heilkunst  der  Vorzeit.  Von  Dr.  Alexander  Rittmann;
Brünn,  1867.
2  Ibn  Chaldun:  Prolegomenes  II,  138  (1*24);  vgl.  diese  Sitzungsberichte
vom  Jahre  1879.  Bd.  XCIII,  S.  582.
            
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