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die Kleidung immer dürftiger. Die Unreinigkeit steigert sich
in demselben Verhältnisse, als der Sinn für feinere Lebensgenüsse
und den Luxus schwindet. Bei längerer Andauer
solcher Zustände entwickeln sich hieraus in den Massen krankhafte
Anlagen, die, wie ich später an einem überzeugenden
Beispiele nacliweisen werde, selbst zur Entstehung der Bubonenpest
führen können.
Wenn sich unter solchen Vorbedingungen die Pest plötzlich
weit öfter zeigte, hartnäckiger sich einnistete und in immer
kürzeren Zeiträumen auftritt, so wird es also nicht mehr unberechtigt
erscheinen, wenn ich daraus den Schluss ziehe, dass
sie ihren Ursprung nicht so sehr im Klima, in der schwächeren
oder stärkeren Nilüberschwemmung, der Hitze, den herrschenden
Winden oder gar in den Erdbeben oder sonstigen unbekannten
kosmischen Vorgängen hat, sondern einfach in dem Elende der
Massen, in deren zunehmender Verthierung und der durch die
Vernachlässigung der Agricultur, den Verfall des freien Bauernstandes
immer häufiger sich einstellenden Plage der Nothjahre.
Von 'diesem Standpunkte aus betrachtet, erscheint die Pest
nicht als eine Culturkrankheit, wie sie ein neuerer Schriftsteller
1 bezeichnen zu dürfen vermeint, sie ist vielmehr eine
Krankheit der Uncultur. Sie entspringt aus dem Rückgänge
der Cultur oder aus den abnormen Zuständen der Gesellschaft.
Hieher gehören die Uebervölkerung, der Pauperismus und die
Anhäufung grosser Menschenmassen unter besonders ungünstigen
allgemeinen Lebensbedingungen.
Der Geschichtsphilosoph Ibn Chaldun bezeichnet deshalb
Uebervölkerung als ein Merkmal des Verfalles eines Staates
und verbindet hiemit ausdrücklich das Auftreten von Hungersnoth
und Epidemien als natürliche Folge. 2
Nicht Aegypten ist ein für die Pestentstehung besonders
geeignetes Land, sondern die Seuche trat dort häufiger und
heftiger als anderswo auf, weil kaum je in einem anderen Lande
1 Die Cnltnrkrankheiten der Völker. Geschichtliche Untersuchungen über
die Pesten und die Heilkunst der Vorzeit. Von Dr. Alexander Rittmann;
Brünn, 1867.
2 Ibn Chaldun: Prolegomenes II, 138 (1*24); vgl. diese Sitzungsberichte
vom Jahre 1879. Bd. XCIII, S. 582.