56
Werner.
ungeachtet ihn nebenbei den Sokrates des 18. Jahrhunderts
nennt, 1 so charakterisirt er Vico zum mindesten nicht von
jener Seite, nach welcher dieser in seinem selbsteigenen Bewusstsein
mit Sokrates sich denkverwandt fühlte. Eine objectiv
geschichtliche Wahrheit möchte die Parallelisirung Vico’s mit
Sokrates insoweit haben, als Vico neuerdings, wie einstmals
Sokrates, unter Abwendung von kosmologischen und physikalischen
Speculationen den Menschen und seine Welt zum Gegenstände
der Betrachtung machte, nur dass er ihn, woran Sokrates
seiner Zeit noch nicht denken konnte, specifisch als Geschichtswesen
ins Auge fasste. Mit Aristoteles hat er die Betonung
des Menschen als lüc'i toXitowv gemein; wenn er in der geschichtlichen
Darstellung diesös Wesenscharakters des Menschen allenthalben
nur das Gleichartige aufsucht, ja die Gleichartigkeit der
Entwickelung zum geschichtlichen Gesetze macht, so findet dies
seine allgemeine philosophische Begründung in seiner Entscheidung
für die intelligiblen Genera Platons im Gegensätze zu den
Genera Aristotelaea oder logischen Generalitäten, welchen er
für die Erkenntniss der realen Wirklichkeit sehr untergeordneten
Werth beimisst. 2 Daraus erklärt sich, wesshalb er trotz der
Anerkennung, welche er den Aristotelischen Büchern über die
Politik zollt, doch dem Zurückgehen des Ai'istoteles vom Artbegriff
auf den Gattungsbegriff der Menschheit keinen Geschmack
abzugewinnen weiss, und die auf diesem Wege eruirten
und fixirten Unterschiede in der socialen Erscheinung des Men-,
sehen fallen lässt. Aristoteles ist ihm eben hierin zu sehr
Empirist. Empirist ist übrigens auch Vico, und nur sein grundsätzliches
Festhalten am Standpunkte der Erfahrung schützt
ihn gegen das Durchbrechen pantheisirender Anschauungen,
welche durch seine metaphysischen Grundansichten sehr nahe
gelegt sind. Die Ausdeutung, welche er den platonischen
Ideen gibt, lässt diese nahezu als die alleinzigen Wirkungsmächte
erscheinen; nur dadurch, dass er an der durch Sokrates angebahnten
Induction als der einzig möglichen Forschungsmethode
festhält, und solcher Art Erfahrungswissen und Vernunftanschauung
getrennt auseinandei’hält, entgeht er formell
1 Critica, p. 274.
2 Siehe oben S. 35, Anm. 1.