46
Werner.
Angelegenheiten übernahm. Diese erweist sich aber als unzureichend
; die Menschheit versinkt in stets schlimmere Zustände,
und wäre schliesslich dem völligen Untergange preisgegeben,
wenn nicht der höchste Gott mit ihr Erbarmen hätte, und
schliesslich das unmittelbare Regiment der Welt wieder an sich
nähme, um sie in den Stand ihrer urspünglichen Vollkommenheit
zurückzuführen. Alles, was die menschlichen Zustände
der gegenwärtigen Weltzeit charakterisirt, Sorge, Arbeit, Mühe,
Erfindung der Handwerke und Künste, welche im goldenen
Zeitalter völlig überflüssig waren, stammt daher, dass die
Menschen von der Providenz sich selber überlassen, auf ihr
selbsteigenes Können angewiesen blieben; und so erscheint —
fügt Amari bei — die Selbstherrschaft des menschlichen Intellectes
als die Signatur des Verfalles, eine Anschauungsweise,
die dem an einen continuirlichen Fortschritt der Menschheit
Glaubenden als eine befremdliche Verkehrtheit erscheinen müsse.
Amari’s Dafürhalten, dass Vico’s Kreislaufstheorie ausschliesslich
oder doch vornehmlich aus Plato geschöpft sein
müsse, unterliegt nicht unerheblichen Bedenken, zu welchen
er selbst den Stoff liefert durch seine Nachweisungen ähnlicher
Lehren bei verschiedenen auf Plato folgenden griechischen
und römischen Schriftstellern, 1 deren einige Vico sicher
genauer kannte, um nicht zu reden von Machiavelli und Campanella,
aus deren Schriften Vico, wie schon bemerkt, erweislich
manche Anregung schöpfte, obschon er Campanella niemals
nennt, gegen Machiavelli aber rein polemisch verfährt.
Wenn Vico Campanella’s Primalitates als metaphysisch-theologische
Unterlage seines selbsteigenen Denksystems zu adoptiren
sich veranlasst fand, so dürfte er wohl auch von Campanella’s
astronomisch-kosmologischerFundirung der Weltgeschichte
Kenntniss genommen haben, obschon ihm zufolge seiner juridischpolitischen
Betrachtungsweise die Berücksichtigung Machiavelli’s
noch näher lag. Campanella’s Lehre von der Kreislaufbewegung
der Menschheitsgeschichte weist auf den an Roger Baco sich
anlehnenden mittelalterlichen Astrologismus des Pierre d’Ailly
zurück; indess auch Vico scheint den mittelalterlichen Geocentrismus,
auf welchen jener Astrologismus ruht, geistig nicht
1 Critica, p. 305 f.