38
W erner.
dass der Mensch in den Mittelpunkt der Weltbetrachtung tritt,
und alles Andere ausser, über und unter dem Menschen mit
Beziehung auf sich selbst erkennt und versteht. Damit soll der
Standpunkt einer abstracten Vernunftmetaphysik überwunden,
und das stofflich empirische Wissen in ein von genialen Aspirationen
durchdrungenes lebendiges Erfahrungswissen umgesetzt
werden, in steter Aufeinanderbeziehung von Bild und Idee,
in deren wechselseitiger Durchdringung sich das selbsteigene
Wesen des Menschen als Ineinsbildung von Geist und Stoff
abdrücken soll. Es ist kein Zweifel, dass hiemit das Ideal
einer philosophischen Weltkenntniss angedeutet sei, die ihre
höchsten und kühnsten Ziele dann erreicht hat, wenn sie im
Universum einen lebendigen Spiegel des menschlichen Selbst
erkannt, und wie den Menschen aus der Idee des Ganzen,
welchem er als Weltwesen angehört, so jenes Ganze aus der
Idee des Menschen, und Beide zugleich auch ihrem Verhältniss
zu ihrem gemeinsamen absoluten Grunde verstanden hat. Das
Ideal einer solchen Erkenntniss schwebte in der That auch
Vico vor; er verlegte sich aber den Weg zur werkthätigen
Anstrebung desselben gleich im voraus dadurch, dass er beim
historischen, durch sein Verhältniss zur Gesammtgattung bedingten
und bestimmten Menschen stehen blieb, ohne zur Idee
des Menschen als solchen, des Menschen als lebendigen Selbstwesens
vorzuschreiten, um aus dieser Centralidee heraus den
Menschen und seine Geschichte und die in diese Geschichte
verschlungene Geschichte des Universums als der contrapositiven
geschöpflichen Nachbildung des absoluten göttlichen Seins
zu verstehen. In seiner Auffassung des Menschen geht dieser
in der Bezogenheit auf die Gattung auf, und ist derselben nur
insoweit entrückt, als er durch die verborgenen Einwirkungen
des Göttlichen über sie emporgehoben wird; der dem Menschen
immanente Grund seiner lebendigen Selbstigkeit wird vom
Menschen nicht erfasst und aufgedeckt. Amari geht bei scheinbarer
Erweiterung des geistigen Gesichtskreises Vico’s hinter
diesen zurück, lässt die erfolgreichen Bemühungen Vico’s um
eine lebendige Concretisirung der allgemeinen Weltauffassung
bei Seite, und sucht als Ontologist seinen Rückhalt in einer
allgemeinen Lehre vom Seienden, aus welcher durch stets
distinctere Gestaltung des allgemeinen Gedankens vom Seienden