Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 96. Band, (Jahrgang 1880)

396

B  ü  d  i  n  g  e  r.

Perikies  noch  in  der  Grabrede  mit  Selbstgefühl  von  der  einem
freien  Volke  natürlichen  Unbefangenheit  im  täglichen  Verkehre
der  Bürger  unter  einander  reden  konnte,  so  tadelt  Kleon,  indem ­
  er  auch  seinerseits  diese  Thatsache  constatirt,  die  mangelnde
Zurückhaltung  gegenüber  den  Unterthanen.  1
Durchaus  eigenartig  erhebt  sich  vielmehr,  trotz  dieser
zufälligen  perikleischen  Anklänge,  Kleon’s  Gedankengang.  In
der  langen  schweren  Kriegsnoth,  in  der  sich  der  attische  Staat
befindet,  hält  der  Redner  seinen  Mitbürgern  ihre  politischen
Schwächen,  Mängel  und  selbstverschuldeten  Gefahren  mit  vollkommener ­
  Rücksichtslosigkeit  entgegen.  Ein  demokratischer
Staat,  so  beginnt  er,  taugt  überhaupt  nicht  zur  Herrschaft  über
Andere:  ich  bezweifle,  dass  ein  Landammann  in  den  Urcantonen
der  Schweiz  nach  einem  Aufstande  in  einer  Vogteilandschaft
vor  einer  Landsgemeinde  eine  ähnliche  Aeusserung  hätte  wagen
dürfen. 2
Die  Reue  über  den  Beschluss  gegen  die  Mytilenäer
zeigt  ein  für  einen  Gebieter  von  Haltung  unangemessenes  und
von  den  Bundesgenossen  nur  zu  leicht  auszubeutendes  Mitleid
und  eine  für  jede  Regierung  bedenkliche  Unbeständigkeit.
Festigkeit  in  Beschlüssen  und  Gesetzen,  die  Bedingung  politischen ­
  Gedeihens,  ist  bei  einer  unverbildeten  Bevölkerung
leichter  zu  erwarten,  die  sich  bescheidet,  minder  klug  als  die
Gesetze  zu  sein 3  und  nicht  durch  das  Vordrängen  jedes  Einzelnen ­
  mit  seiner  Weisheit  und  dem  aus  der  Kritik  der
Reden  bestimmten  Urtheil,  den  Staat  gefährdet. 4  ,Die  nur  den
Hochverräthern  zu  Gute  kommende  Verzögerung'  bei  dieser
Neuberathung  wird  ,Niemand  durch  Behauptungen  über  irgend
eine  Nützlichkeit'  des  mytilenäischen  Aufstandes  rechtfertigen

1  II,  37,  2  zu  III,  37,  2;  aber  das  iyto  [jiv  ouv  6  auto?  £tp.i  T?j  yva>pL7]  III,
38,  1  hätte  man  doch  nicht  ernstlich  mit  £ytb  jx'ev  6  auxo?  stjx*  y.a'i  ou*
E?taTatj.at  II,  61,  2  zusammenstellen  sollen.
2  Aber  keineswegs,  wie  Cwikliiiski,  quaestiones  de  tempore,  p.  45,  meint,
des  Autors  Unparteilichkeit  gehe  eben  so  weit,  qui  vel  Cleonem  .  .  .  ita  .  .
diceutem  introduxit  III,  37—40,  ut  hic  non  singulis,  sed  toti  potius  civitati
  et  reipublicae  gerendae  rationi  crimina  inferre  videatur.
3  Im  Gegensätze  dazu  rühmt  König  Archidamos  an  den  Spartanern  (I,  84,
3),  dass  sie  £ : jßo’jXot  auaöctJTEpov  twv  vopuov  xq;  urEpo^ia;  ^aiÖ£uop.£Voi  seien.
4  So  nach  Capitel  37.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.