Kleon bei Tlmkydides.
373
Beobachtung- des auf beiden. Seiten Geschehenen eine bessere
Erkenntniss gewinnen konnte. Von den Neueren haben sich
Mehrere 1 des Verurtheilten warm angenommen; Grote 2 aber
hat das Verfahren der Athener verth eidigt und auch dessen
Meinung begreiflich lebhafte Anhänger gefunden. 3
Es liegt immerhin nahe, anzunehmen, dass eine Verbitterung
gegen den Politiker, der seine Verurtheilung bewirkt
haben wird, auch in der Seele des Geschichtschreibers zurück
blieb und seine Darstellung beeinflusste. Doch hatte er sich
zum Grundsätze gemacht, nicht nach seiner subjectiven Meinung, 4
sondern nach dem von ihm, sei es selbst beobachteten, sei es
von Anderen mit möglichster Genauigkeit im Einzelnen erfragten
Thatbestande zu schildern, rvobei er denn dem Leser
die Schwierigkeit einer kritischen Scheidung vorführt.
Immerhin lässt sich bemerken, dass von den drei Stellen,
an welchen er über Kleon urtheilt, die beiden früheren, noch
näher zu besprechenden, bei dem lesbischen Aufstand und dem
Zuge nach Pylos nur Ivleon’s gewaltthätigen Sinn und mächtigen
Einfluss auf das Volk schildern, die letzte aber mit allem
Anscheine wahrhafter Feindseligkeit über ihn urtheilt. Kleon
sei Gegner des Friedens gewesen, sagt Thukydides, weil er
gemeint habe, dass, ,wenn Ruhe eintrete, seine Uebelthaten
mehr aufgehellt und seine Verläumdungen weniger geglaubt
würden'. 5 Er gibt mit diesen Worten freilich nur eine Meinung
der höheren Stände wieder, die Aristophanes in dem
Jahre der Verurtheilung des Geschichtschreibers schon von
der Bühne herab, wie längst bemerkt wurde, verkündet hat. 8
1 Niebuhr, Vorlesungen über alte Geschichte II, 97; Thirlwall, Hist, of
Greece III, 287 (ed. 1837); Curtius, Griech. Geschichte II 4 , 487, 826.
2 VI, 191 flgde.
3 Oncken, Athen und Hellas II, 323, trotz seiner erklärten Neutralität
wohl auch Gilbert 196.
4 rfclüiGCL Ypacpstv ouo’ toi; iaoi ioozsi. I, 22, 2.
5 Y£vo[j.£vr^ 7]<Toyta; zaxa^avsaTepos vo[x{£iov av etvai /.a/.oupYüJV xai aTZiaxoiEpo?
oiaßaXXiov. V, 16.
6 o 8= 07j[i.o; *1*7:0 xou noXs'pou xai ttj; ofifyXqg a rcavoupysig p.rj xaOopa aou.
Ritter V. 802. IlavoüpYo? — doch erheblich milder als xaxoupyog (vgl.
Thukyd. III, 45, 3) — ist, wie die Ritter V. 249 mit Emphase betonen,
und Wespen V. 1227 wie Frieden V. 652 noch besonders eingeschärft
wird, das regelmässige Epitheton Kleon’s bei Aristophanes.